<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Roger Behrens &#187; Jungle World</title>
	<atom:link href="http://www.rogerbehrens.net/schlagworte/jungle-world/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.rogerbehrens.net</link>
	<description>Mein digitales Wohnzimmer</description>
	<lastBuildDate>Sat, 30 Jan 2010 19:02:36 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.1</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Anmerkungen zum Wetter</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/anmerkungen-zum-wetter/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/anmerkungen-zum-wetter/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 07 Jul 2008 12:55:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=75</guid>
		<description><![CDATA[»Alle reden vom Wetter, wir nicht!« Dass sich ausgerechnet die Bahn diesen Spruch einmal als Werbeslogan aussuchte, kommt nicht von ungefähr: seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert gilt die Eisenbahn als das Symbol des Fortschritts schlechthin, und der Fortschritt soll eben vom Wetter unabhängig sein. Umgekehrt kennt das Wetter keinen Fortschritt, keine geschichtliche Progression, sondern nur den Wechsel, die Wiederkehr der Jahreszeiten, den Umschwung, das Klima und die Temperatur, festgelegt in Zonen. (Freibaduniversität 4. Juli 2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>&raquo;Der Himmel war eine ganz sch&ouml;ne Zugabe zu dem eben gewonnenen schmalen Erdstrich, zumal da er das Wetter macht.&laquo; Marx, &rsaquo;Der achtzehnte Brumaire des Louis Bonaparte&lsaquo; (in: MEW Bd.&#160;8, S.&#160;203.)</em></p>
<p>&raquo;Alle reden vom Wetter, wir nicht!&laquo; Dass sich ausgerechnet die Bahn diesen Spruch einmal als Werbeslogan aussuchte, kommt nicht von ungef&auml;hr: seit ihrer Erfindung im 19. Jahrhundert gilt die Eisenbahn als das Symbol des Fortschritts schlechthin, und der Fortschritt soll eben vom Wetter unabh&auml;ngig sein. Umgekehrt kennt das Wetter keinen Fortschritt, keine geschichtliche Progression, sondern nur den Wechsel, die Wiederkehr der Jahreszeiten, den Umschwung, das Klima und die Temperatur, festgelegt in Zonen. Die Moderne ist der Versuch, das Wetter nicht nur zu beherrschen, sondern es zu &uuml;berwinden, es abzuschaffen. Das Wetter selbst bleibt ziellos, w&auml;hrend das Ziel der Moderne das ewig sch&ouml;ne und gute Wetter ist: Charles Fourier plante die Abschmelzung der Polkappen mit k&uuml;nstlichen Sonnen und wollte so den Sozialismus in einem permanenten Hochsommer einrichten. Der realkapitalistische Kompromiss ist bekanntlich der Urlaub, der touristische Platz an der Sonne; jede Reise soll zu einem &rsaquo;Kurzen Sommer der Anarchie&lsaquo; werden. Ohnehin versucht die Moderne sich als ein einziges Sommerspektakel zu inszenieren: Lag in vorkapitalistischen Gesellschaften die Zeit des Feierns und der Feste im Winter, so wird sie im b&uuml;rgerlichen Zeitalter auf den Sommer verschoben; Beherrschung der Natur durch Aufhebung des Wetters, indem die Kultur jeden Sommer zum &raquo;Summer of Love&laquo; macht, zu einer Aneinanderreihung von Festivals. Hier wird mit Mitteln des Pop versprochen, was dereinst die Revolutionen &ndash; und die gro&szlig;en fanden zumeist im Winter statt &ndash; forderten:  die emanzipierte Gesellschaft der freien Assoziation. Gerade in der Popkultur wird die Zelebrierung des Sommers zum Ritual, zum Mythos der Wiederkehr, wenn der Neoliberalismus diese Nachhaltigkeit und Wiederholbarkeit der Lebensbedingungen nicht mehr garantiert: das gute Wetter suggeriert das gute Leben, wenigstens nach Feierabend in der Beach-Bar, oder &ndash; wie schon im 19. Jahrhundert &ndash; am Sonntag; die Sonne bleicht auch die Klassenunterschiede aus.<br />
W&auml;hrend der Winter gerade wegen der Starre auf Ver&auml;nderung dr&auml;ngt, verhei&szlig;t jeder Sonnentag im Sommer die Utopie, dass von nun an alles so bleibt, dass das Wetter still&#8209; und abgestellt werden k&ouml;nnte. Erst in der Moderne sind &uuml;brigens gutes und sch&ouml;nes Wetter synonym, gerade weil man sich das Wetter von seinem &ouml;konomischen Nutzen abgekoppelt w&uuml;nscht. Das Wetter soll ganz zur Freizeit des modernen Menschen geh&ouml;ren, nicht zum System der abstrakten Arbeit. Heute wird das ganze Jahr gebaut, das Schlechtwettergeld ist gek&uuml;rzt; Hitze&#8209; oder Schneefrei sind Ausnahmef&auml;lle, die dann gelten, wenn das Wetter in Unwetter umschl&auml;gt. Anders als die feudale Agrarwirtschaft ist die kapitalistische Produktion zumindest ihrem Ideal nach vom Wetter unabh&auml;ngig.<br />
Heute sagt man: &raquo;Es gibt kein schlechtes Wetter, nur schlechte Kleidung&laquo;, doch gerade f&uuml;r die Moderne ist dieser Satz falsch: Im Kapitalismus, mit der Entstehung der Sph&auml;re der Freizeit, gibt es das erste Mal schlechtes Wetter (kurzum: in der Natur gibt es kein schlechtes Wetter, nur  in der Kultur). Das schlechte Wetter wird sogar zum Missstand, wird medial gerne zum sozialen &Uuml;bel erkl&auml;rt: In den Nachrichten sieht man die Menschen in den B&uuml;ros oder auf der Baustelle unter der Hitze leiden; dass nicht die Sonne das Leiden verursacht, sondern der &ouml;konomische Zwang der Verwertungslogik, wird nicht einmal in Erw&auml;gung gezogen. Gl&uuml;cklich ist in diesen Sommertagen, wer entweder Urlaub hat, oder unabh&auml;ngig vom Wetter produzieren und konsumieren kann.<br />
Trotzdem bleibt das Wetter eine allgemeine Gewalt der Natur, der die moderne Kultur nach wie vor ausgesetzt ist. Das Wetter bricht immer wieder in die Moderne ein, durchkreuzt die Geschichte in einer Abfolge von Katastrophen, die tats&auml;chlich auf die Abschaffung des Wetters hinauslaufen k&ouml;nnten (Stichwort Treibhauseffekt). Kaum eine Wettervorhersage stimmt und alle Versuche, das Wetter zu beeinflussen, scheiterten bisher &ndash; auch Wilhelm Reichs Regenmachmaschine (vergleiche Kate Bushs &rsaquo;Cloudbusting&lsaquo; von 1985), der die wahnwitzige Annahme zugrunde liegt, dass das Wetter eine Charakterpanzerung, eine psychische Verh&auml;rtung der Natur ist. Auch die einfache Technik greift nicht wirklich ins Wetter ein: Heizungen und Klimaanlagen verm&ouml;gen k&uuml;nstlich W&auml;rme oder K&auml;lte zu liefern, aber das Wetter k&ouml;nnen sie nicht gezielt ver&auml;ndern.  So zeigt sich, dass sich gerade mit den modernen Unternehmungen, die Natur zu beherrschen, die Moderne selbst in einen Naturzustand verwandelt &ndash; f&uuml;r den das Wetter dann ein selbstverst&auml;ndlich nat&uuml;rlicher Ausdruck ist. Walter Benjamin, der sich ohnehin f&uuml;r den Zusammenhang von Wetter und Moderne interessierte, hat dazu in seinem &rsaquo;Passagen-Werk&lsaquo; notiert: &raquo;&hellip; Moden, ja selbst das Wetter sind im Innern des Kollektivums was Organempfindungen, Gef&uuml;hl der Krankheit oder der Gesundheit im Innern des Individuums sind. Und sie sind, solange sie in der unbewussten, ungeformten Traumgestalt verharren, genauso gut Naturvorg&auml;nge, wie der Verdauungsprozess, die Atmung etc.&laquo; (GS Bd. V&middot;1, S.&#160;342) Das Wetter als Restnatur inmitten einer Welt, die sich als vollst&auml;ndig kultiviert begreift; und umgekehrt: das Wetter als Kultur getarnte Natur in einer auf den Naturzustand zur&uuml;ckgeworfenen Gesellschaft. Dass Benjamin hierbei Wetter und Mode zusammenbringt, verweist auf deren Struktur&auml;hnlichkeit in der Moderne. Gewisserma&szlig;en tangiert das Wetter den modernen Menschen genau dort, wo er modern wird, n&auml;mlich in der Mode. Und die Mode bleibt vom Wetter abh&auml;ngig, ordnet ihre Kollektionen nach Saisons und &uuml;bernimmt das wesentliche Prinzip des Wetters: die ewige Wiederkehr. Gerade in der Mode hat man sich im Verlauf des letzten Jahrhunderts an das Wetter angepasst und auf die Jahreszeiten eingelassen, jenseits von sozialen Konventionen. Im selben Ma&szlig;e, wie die Mode quasi zum nat&uuml;rlichen Ausdruck des Wetters wird, verliert sie ihre soziale Signifikanz und wird von den sozialen Klassen unabh&auml;ngig. Auch hier ist ein R&uuml;ckblick ins 19. Jahrhundert aufschlussreich: Seurat malte die Sonntagsausfl&uuml;gler auf der Seine-Insel La Grande Jatte &ndash; Angestellten, B&uuml;rger; am Montag fand man hier die Arbeiter, deren Alltag Roger Jourdain in seinen Bildern eingefangen hat. Die Arbeiter waren auch in ihrer sp&auml;rlichen Freizeit Arbeiter, verhielten sich wie Proletarier und trugen zu jedem Wetter die Kleidung ihrer Klasse. Die Angestellten hingegen versteckten ihre Klassenlage in der Sonntagskleidung, verhielten sich als Freizeitb&uuml;rger, nicht als Buchhalter oder und Verk&auml;uferin. Ihre soziale Stellung findet nunmehr darin ihren Ausdruck, inwiefern sie sich dem Wetter angemessen zu kleiden verm&ouml;gen. Seither ist dies die soziale Funktion des Sommers f&uuml;r die kapitalistische Klassengesellschaft: die Geschichte der Mode zu &uuml;berantworten und eben die Tatsache, dass es sich aus &ouml;konomischen Gr&uuml;nden um eine Klassengesellschaft handelt, dem Wetter angemessen zu verkleiden und &ndash; bei der anhaltenden Hitze buchst&auml;blich &ndash; zu reduzieren. Und am Ende reden dann doch alle vom Wetter.</p>
<p><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/6a7a92a0174128d0c07980a8e902b2" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/anmerkungen-zum-wetter/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wenn die Wirklichkeit dich &#252;berholt</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/wenn-die-wirklichkeit-dich-ueberholt/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/wenn-die-wirklichkeit-dich-ueberholt/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 15 May 2008 21:17:12 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Computerspiele]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=10</guid>
		<description><![CDATA[Aus der Begeisterung für die wirklichkeitsgetreue Grafik der Computerspiele lässt sich erkennen, dass die Vorstellung von Wirklichkeit nicht unbedingt etwas mit der Realität zu tun hat. (Jungle World 20/2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Aus der Begeisterung f&uuml;r die wirklichkeitsgetreue Grafik der Computerspiele l&auml;sst sich erkennen, dass die Vorstellung von Wirklichkeit nicht unbedingt etwas mit der Realit&auml;t zu tun hat.</strong></p>
<p>Der christliche Mensch h&auml;lt Pfingsten f&uuml;r die Aus&shy;sch&uuml;ttung des Heiligen Geistes. Passend zu diesem Datum machte die S&uuml;ddeutsche Zeitung vergangenes Wochenende das Computerspiel &raquo;Grand Theft Auto IV&laquo; zum &raquo;Thema des Tages&laquo;. Die Artikel besch&auml;ftigten sich mit dem Ph&auml;nomen, dass Computerspiele mittlerweile mehr Geld als Block&shy;buster-Filme einspielen. Doch wie sich in den Ver&shy;kaufszahlen Sehns&uuml;chte, W&uuml;nsche, Erwartungen und sonstige Bed&uuml;rfnisse der Konsumenten widerspiegeln, beantworten die Artikel nicht. Dazu m&uuml;sste man diese Zahlen allerdings addieren, statt sie zu kontrastieren.</p>
<p>Dabei ist ein Computerspiel wie &raquo;Grand Theft Auto&laquo; keineswegs f&uuml;r ein Massenpublikum, sondern den Kunden als Individuum entwickelt, denn das Spiel liefert eine Vorstellung von Welt, die soziales Verhalten nur als Delinquenz kennt. Bei &raquo;Grand Theft Auto&laquo; ist es die Figur des Immigranten Nico Bellic, der in vorgefertigten, aber aufw&auml;ndig generierten Situationen Handlungen durchspielt, die euphemistisch als Abenteuer und Erlebnisse deklariert werden: Leute beschei&szlig;en, umbringen, beklauen und nat&uuml;rlich Autofahren. Und die Stadt, in der Nico sein Unwesen treibt, hei&szlig;t zu allem &Uuml;berfluss &raquo;Liberty City&laquo;.</p>
<p>Was hier Freiheit genannt wird, bezeichnet genau den Zustand von Barbarei, vor dem jedes b&uuml;rgerliche Freiheitsrecht den Menschen zu sch&uuml;t&shy;zen beansprucht. Nicht von ungef&auml;hr ist deshalb die Hauptfigur Nico ein einziges Stereotyp von einem Gewaltmenschen, in dem der Ghettok&auml;mp&shy;fer, der Jihad-Gotteskrieger und der nationalis&shy;tische Freisch&auml;rler physiognomisch verschmelzen. Der Rassismus wird wie selbstverst&auml;ndlich erg&auml;nzt vom Sexismus. Frauen gibt es auch &ndash; Pros&shy;titution ist gleichsam ihr Beruf und Charakter.</p>
<p>Mit Blockbuster-Filmen und trivialmythischen Romanen teilen die millionenfach verkauften Computerspiele auch die Kurzlebigkeit. Der enorme &ouml;konomische Erfolg findet keine Entsprechung im &raquo;kulturellen Kanon&laquo;. Kaum jemand redet noch von &raquo;Stalker &ndash; Shadow of Chernobyl&laquo;, dem Kassenschlager des vergangenen Jahres. Und dennoch sind solche Produkte in ihrer sozio&shy;kul&shy;turellen Bedeutung keineswegs zu untersch&auml;tzen. Sie sind historisch irrelevant, und gleichzeitig sind sie nichts anderes als ein ad&auml;quater Ausdruck der Geschichte der Gegenwart; Ausdruck der Funk&shy;tion, die die Software und die Hardware im Alltag der Menschen haben.</p>
<p>Das macht diese Computerspiele zu einem in&shy;tegralen Bestandteil der Popkultur; und dass das Subunternehmen, das &raquo;Grand Theft Auto&laquo; vermarktet, ausgerechnet &raquo;Rock Star Games&laquo; hei&szlig;t, ist deshalb treffend. Dieses Spiel funktioniert in seiner gesellschaftlichen Bedeutung wie Popmusik. Das ge&uuml;bte Ohr kann etwa aus einer Beet&shy;hoven-Sinfonie soziale Wirklichkeit um 1800 heraush&ouml;ren, mit einem Beatles-Song geht es ge&shy;rade eben noch, mit Madonnas &raquo;Hard Candy&laquo; kann man das nicht mehr. Auch deshalb neigt man dazu, die einzelnen Ph&auml;nomene zu isolieren. Die Beatles waren noch ein gesellschaftliches Ereignis, die ersten Madonna-Alben auch; heute bleibt die soziale Reichweite von Madonna auf das Feuilleton beschr&auml;nkt. Genauso verhandeln die Medien das F&uuml;r und Wider von Computerspielen, als k&ouml;nne man sie aus sich heraus begrei&shy;fen, als sei alles, was es hier an Gesellschaft zu erfahren gibt, gewisserma&szlig;en in die Software pro&shy;grammiert. Dazu geh&ouml;rt die Tendenz, die Gesellschaft selbst als Spiegel der Computerspiele zu verstehen, und nicht umgekehrt.</p>
<p>Allgemein wird die realistische, &raquo;wirklichkeits&shy;getreue&laquo; Grafik, die Computerspiele wie &raquo;Grand Theft Auto&laquo;, &raquo;Stalker&laquo; oder &raquo;World of Warcraft&laquo; bieten, begeistert gefeiert. Jedoch allein die Vorstellung von dem, was hier als Wirklichkeit begriffen wird, ist nicht unproblematisch &ndash; und zwar sowohl in Hinblick auf den Inhalt als auch auf die Form.</p>
<p>Inhaltlich meint Wirklichkeit hier die authentische Abbildung: Die in &raquo;Grand Theft Auto&laquo; simu&shy;lierte Stadt Liberty City sieht aus wie ein vollkommen zum Moloch mutiertes New York, das virtuelle Tschernobyl in &raquo;Stalker&laquo; zeigt die ori&shy;ginalen Bilder, die man von den Fernsehaufnahmen 1986 kennt. Aber Realit&auml;t im Sinne eines realen sozialen Verh&auml;ltnisses, also als Wirklichkeit, die dynamisch mit M&ouml;glichkeiten ihrer Ver&auml;nderung in Beziehung steht, gibt es hier nicht. Und gerade weil es diese Ver&auml;nderungsm&ouml;glichkeit nicht gibt, werden diese virtuellen Film&#8209; oder Computerwelten als Wirklichkeit identifiziert.</p>
<p>Was aber dieser Wirklichkeit fehlt &ndash; und das markiert den &Uuml;bergang vom inhaltlichen zum formalen Problem dieser Realit&auml;tsvorstellung &ndash; ist Materialit&auml;t, nicht nur im Sinne physikalischer Greifbarkeit oder &raquo;taktiler Qualit&auml;t&laquo; (Benjamin), sondern vor allem in Hinblick auf einen materialistischen Begriff von Welt, das hei&szlig;t als &raquo;materielle Lebensverh&auml;ltnisse&laquo; (Marx). Inwiefern dieser Realit&auml;tsvorstellung der materialistische Begriff fehlt, merkt man daran, dass Kritik gemeinhin nur als technische formuliert wird und darauf beschr&auml;nkt bleibt, dass von der Fotografie bis zu den Computerspielen die Wirklichkeit blo&szlig; repr&auml;sentiert werde.</p>
<p>Im Fokus einer materialistischen Kritik der Tech&shy;nik steht aber die Frage, welche Wirklichkeit repr&auml;sentiert wird. In den virtuellen Computerwelten &uuml;berlebt ein idealistischer Wirklichkeitsbegriff nicht zuletzt durch eine pseudomaterielle Mimesis an das, was wir gemeinhin als &raquo;unsere Wirklichkeit&laquo; wahrnehmen; ein idealistischer Wirk&shy;lichkeitsbegriff, der vom Bewusstsein in die Sinne abwandert: Alles sieht t&auml;uschend echt aus. Und darin liegt das formale Problem dieses Realit&auml;tsverst&auml;ndnisses. N&auml;mlich, dass es eine Wirklichkeit &raquo;da drau&szlig;en&laquo; gibt, die von der Software &ndash; vom Film, vom Computerspiel &ndash; zwar repr&auml;sentiert werden kann, der aber die Hardware &ndash; das Kino, der Fernseher, die Konsole &ndash; &auml;u&szlig;erlich bleibt.</p>
<p>Manche bef&uuml;rchten etwa, dass gerade durch die realistische Darstellung der Computerspielgrafik die Spieler, zumal die jungen, bei denen man glaubt, dass sie im Umgang mit der Realit&auml;t noch nicht so ge&uuml;bt sind, den Kontakt zur Wirklichkeit verlieren. Tats&auml;chlich verlieren sie hier aber nichts, sondern konstruieren sich eine neue, eine eigene Wirklichkeit. Die mag man f&uuml;r grausam, beschr&auml;nkt oder asozial halten, sie ist aber durchaus ein konkretes materielles Verh&auml;ltnis.</p>
<p>Einer der wenigen Versuche, einen materialis&shy;tischen Begriff der Realit&auml;t zu gewinnen, der angesichts der Entwicklung der Computerspiele zu diskutieren w&auml;re, ist Siegfried Kracauers &raquo;Theo&shy;rie des Films&laquo; von 1960. Kracauer geht es, so der Untertitel, um die &raquo;Errettung der &auml;u&szlig;eren Wirklichkeit&laquo;. Entscheidend ist bei ihm der Gedanke, dass das k&uuml;nstliche Bild &ndash; sei es die Fotografie, sei es der Kinofilm, sei es das Computerspiel &ndash; Wirklichkeit nicht nur repr&auml;sentiert, sondern &uuml;berhaupt erst konstruiert, erzeugt und hervorbringt. Gerade die Technik erm&ouml;gliche einen Zugriff auf Wirklichkeit, der ansonsten nicht gegeben ist. Im Film werde Wirklichkeit gerettet, weil das Kino &raquo;der Natur den Spiegel vorh&auml;lt und damit die &rsaquo;Reflexion&lsaquo; von Ereignissen erm&ouml;g&shy;licht, die uns versteinern w&uuml;rden, tr&auml;fen wir sie im wirklichen Leben an&laquo;.</p>
<p>Nicht dass die Welt, in der wir leben, tats&auml;chlich so brutal und unmenschlich ist, wie es etwa in &raquo;Grand Theft Auto&laquo; digital vorgemacht wird. Aber in unserer Welt scheint die Darstellung von Gewalt und Elend spannender zu sein als zum Beispiel der computerspielerische Entwurf einer emanzipierten Gesellschaft oder zumindest einer friedfertigen Gesellschaft. Ein Computerspiel, in dem statt Auto Eisenbahn gefahren wird, in dem St&auml;dte aufgebaut statt zerst&ouml;rt werden, ist langweilig; mit &raquo;World of Warcraft&laquo; und dergleichen k&ouml;nnen Spiele wie &raquo;Railroad Tycoon&laquo; oder &raquo;SimCity&laquo; nicht mithalten.</p>
<p>Und dennoch liegen die Modelle Weltzerst&ouml;rung/Weltaufbau merkw&uuml;rdig nah beieinander. Eines der ersten digitalen Computerspiele hie&szlig; &raquo;Spacewar!&laquo; und wurde 1961 am Massachusetts Institute of Technology entwickelt. An der Programmierung beteiligt war die Studentenorganisation Tech Model Railroad Club, die seit ihrer Gr&uuml;ndung 1946 eine riesige Modelleisenbahnanlage aufbaut. Tats&auml;chlich bietet eine Modell&shy;eisenbahn wesentlich mehr M&ouml;glichkeiten der Interaktion als ein Computerspiel, doch darauf kommt es nicht an.</p>
<p>Vielmehr sind es die potenziellen Pers&ouml;nlichkeitsbilder, die &uuml;ber diese Formen virtueller Modellwelten transportiert werden, die das eine zum l&auml;cherlichen Hobby degradieren und das andere zum interessanten Tagesthema machen. Auch wenn die Eisenbahn ehedem Symbol des Fortschritts war und sp&auml;testens seit Lenins Zug&shy;reise auch Lokf&uuml;hrer als revolution&auml;rer Beruf gelten kann, ist die Welt der Modellbahn eine Welt der kollektiven und anonymen Masse. Die Modell&shy;bahnanlage bleibt Au&szlig;enwelt und der Modellbah&shy;ner selbst gleichsam der unbewegte Beweger am Trafo und Stellpult.</p>
<p>Dass die Computertechnik sich hier flexibler zeigt als die Modellbahntechnik, hat nicht zuletzt mit der Entwicklung des postmodernen Individualismus zu tun, der sich in den siebziger Jahren in der Erfindung des PC manifestiert. Damit bekam nicht nur jede Person ihren privaten Rechner, sondern der Computer selbst wurde gewisserma&szlig;en zur Person. Und im selben Ma&szlig;e, wie sich gleichzeitig die Trennung von Hard&#8209; und Software durchsetzte, erhielt als spezifisch programmierte Matrix der Computer eine Pers&ouml;nlich&shy;keit.</p>
<p>Dass das schlie&szlig;lich eine autorit&auml;re Pers&ouml;nlich&shy;keit geworden ist, ein universeller Atavar namens Nico, hat indes weniger mit der Computertechnik zu tun als mit der technologischen Ra&shy;tionalit&auml;t selbst, die sich gesellschaftlich durchgesetzt hat und nach deren Muster Software und Hardware, programmierte Gewaltexzesse und integrierte Schaltkreise gleicherma&szlig;en funktionieren. </p>
<p><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/2beaddf0fa9f470f994374b794bd2c" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/wenn-die-wirklichkeit-dich-ueberholt/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Alle Wege f&#252;hren zum Dom</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/alle-wege-fuehren-zum-dom/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/alle-wege-fuehren-zum-dom/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 17 Apr 2008 21:33:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=11</guid>
		<description><![CDATA[Die Stadt ist eine politische Baustelle. Andreas Neumeister skizziert in seinem neuen Roman »Könnte Köln sein« eine Biografie der Städte. (Jungle World 16/2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Stadt ist eine politische Baustelle. Andreas Neumeister skizziert in seinem neuen Roman &raquo;K&ouml;nnte K&ouml;ln sein&laquo; eine Biografie der St&auml;dte.</strong></p>
<p>Der Philosoph Leibniz bemerkte vor gut dreihundert Jahren, noch an der Schwelle zur Neuzeit, &raquo;wie eine und dieselbe Stadt, die von verschiedenen Seiten betrachtet wird, als eine ganz andere erscheint und gleichsam auf perspektivische Weise vervielfacht ist&laquo;. Leibniz&rsquo; Ansicht gilt der barocken, rationalen, geordneten und cartesianischen Stadt, die ihm als Beispiel f&uuml;r die Mannigfaltigkeit der Welt gilt, n&auml;mlich f&uuml;r das, was er &raquo;Monade&laquo; nennt: eine Einheit, die gerade aufgrund ihrer Gleichheit und Selbs&shy;t&shy;&auml;hnlichkeit sich in jedem Blickwinkel anders dar&shy;stellt. Mit seinem Bild beschreibt Leibniz zugleich die moderne Stadt &ndash; nicht unbedingt ihre Realit&auml;t, wohl aber ihr Ideal, das die nachfolgenden Jahrhunderte bestimmen wird.</p>
<p>Der Blick auf den urbanen Raum, den Andreas Neumeister in seinem collagenhaften Roman &raquo;K&ouml;nnte K&ouml;ln sein&laquo; freigibt, sieht anders aus. Ohnehin gibt es heute die Stadt nur noch im Plural; aber nicht, weil das Urbane so vielf&auml;ltig w&auml;re, eben so pluralistisch, sondern gerade weil die Eindimensionalit&auml;t keinen Blick auf die Stadt als f&uuml;r sich charakteristisches Ganzes, als je abgeschlossene Einheit mehr zul&auml;sst. Bei Neumeister sind es die verschiedenen St&auml;dte, die niemals gleichen St&auml;dte, die diffusen St&auml;dte, die in ihrer Unterschiedlichkeit doch je dieselben sein k&ouml;nnen. Und so wie man es in Leibniz&rsquo; Bild mit dem Paradigma der modernen Stadt zu tun hat, so in Neumeisters Roman mit dem Paradigma der postmodernen Stadt.</p>
<p>Dennoch beschreibt Neumeister hier nicht die postmoderne Stadt, wie man sie in den letzten drei&szlig;ig Jahren als postmoderne Stadt pr&auml;sentiert bekommen hat: Er beschreibt n&auml;mlich die Stadt, die St&auml;dte, den urbanen Raum ganz unpr&auml;tenti&ouml;s, uneitel, aber doch pr&auml;zise: Nicht die gro&szlig;e Metapher von der Ruine, welche die moderne und postmoderne Stadt gleicherma&szlig;en begleitet, interessiert ihn, sondern die Realit&auml;t der Stadt als Baustelle &ndash; im faktischen wie auch &uuml;ber&shy;tragenen Sinne. &raquo;St&auml;dte. Baustellen&laquo; hei&szlig;t deshalb der Roman &raquo;K&ouml;nnte K&ouml;ln sein&laquo; im Untertitel; und Neumeister liefert keine Berichte von St&auml;dtereisen, sondern Baustellenreisen &ndash; diese sind zugleich historische Ausfl&uuml;ge, die aber doch in einem geschichtslosen Raum sowie in einer raumlosen Zeit bleiben. Das ist vielleicht die gewaltigste Erkenntnis, die Neumeister hier entfaltet: Wo die St&auml;dte Baustellen geworden sind, sind sie nicht nur zeitlos &ndash; das ahnte man schon &ndash; , sondern auch ortlos, irgendwann und irgendwo, nirgendwo. Schon der Titel deutet das an: Bisher waren das die Metropolen, die in ihrer Selbst&auml;hnlichkeit solche Verwechslung provozierten &ndash; die Rei&szlig;brettst&auml;dte, von denen die Stadtforschung im letzten Jahrhundert immer wieder behauptet hat, Stadt &#8553; sehe wie Stadt Y aus, also S&atilde;o Paulo wie Chicago, Kapstadt wie Hongkong. Aber das ist eben nur richtig unter dem Vorzeichen, dass die St&auml;dte selbst nicht mit sich identisch sind: S&atilde;o Paulo sieht schon in der n&auml;chsten Stra&szlig;e nicht mehr wie S&atilde;o Paulo aus und Paris nicht wie Paris. Jetzt kommt aber Neumeister nach M&uuml;nchen, Los Angeles, Moskau, aber auch nach Brixen, Eschtal, Otep&auml;&auml; und sagt: K&ouml;nnte K&ouml;ln sein.</p>
<p>K&ouml;ln, die zweitausend Jahre alte Stadt, ehemals Gro&szlig;stadt, ist heute Kleinstadt &ndash; vor allem im Hinblick auf das Alltagsleben in K&ouml;ln. Bei Neumeister h&ouml;rt sich das so an: &raquo;Erst mal was trinken, erst mal ein K&ouml;lsch.&laquo; Oder: &raquo;Brauhaus P&auml;ffgen sagt (Selbstdarstellung): Der Nabel der Welt ist K&ouml;ln. Der Mittelpunkt von K&ouml;ln ist das Brauhaus P&auml;ffgen, und der Nabel der Gastst&auml;tte ist der Beichtstuhl mit seinem Thekenschaf&thinsp;&hellip;&laquo;</p>
<p>Mit dem Dom ist K&ouml;ln das religi&ouml;se Zentrum Deutschlands, heiliges r&ouml;misches Reich deutscher Nation: &raquo;Die Domplatte wurde 2006 in der ZDF-Reihe Unsere Besten zum beliebtesten Ort in Deutschland gek&uuml;rt.&laquo; Doch K&ouml;ln als Baustelle sieht anders aus: &raquo;Kann mir irgendwer erkl&auml;ren, was es mit dem Kult um das eigentlich winzige Belgische Viertel auf sich hat?&laquo; Und: &raquo;K&ouml;ln-Kompakt-Kompilation, r&uuml;hrend ausgepr&auml;gter Lokalstolz.&laquo; Das Zentrum Deutschlands am Rhein, &raquo;am deutschesten aller deutschen Fl&uuml;sse&laquo;, ist schlie&szlig;lich ein &raquo;am Standort K&ouml;ln&laquo; in Betrieb genommenes Rechenzentrum: Das ist die Stadt als Baustelle &ndash; &raquo;weitere features: (&hellip;) &ndash; Redundante Stromzuf&uuml;hrung &ndash; n+1 Klimatisierung&laquo;. Das Ende des Romans korrespondiert mit dem Anfang: &raquo;Abb.: Adam baut die Urh&uuml;tte.&laquo; Und: &raquo;Abb.: Die Urh&uuml;tte&laquo;. Das sind zwei Hinweise auf nicht gedruckte, insofern unsichtbare Abbildungen &ndash; ein Verfahren, das Neumeister schon in anderen B&uuml;chern probierte.</p>
<p>Die erste Stadt ist Rom: &raquo;Rome, Stadt der Spr&uuml;che, wasn&rsquo;t built in a day. Rom wurde auch nicht in einer Woche errichtet. Nicht in einem Jahr und auch nicht in einem Jahrtausend.&laquo; Und: &raquo;Rom ist Baustelle. Schon seit &uuml;ber 3000 Jahren ist Rom Baustelle. Auch nach mehr als 3000 Jahren ist Rom noch immer nicht fertig.&laquo; Was folgt daraus? &raquo;Die modernsten Bauten der Stadt stammen aus der Zeit des Faschismus. Das kann ich ohne gro&szlig; zu verallgemeinern behaupten.&laquo;</p>
<p>Die Baustellen, die wir St&auml;dte nennen, sind immer politische Baustellen meist misslungener Geschichte: Da, wo die St&auml;dte am wenigsten Baustelle, also am fertigsten und am meisten gestaltet sind, da sind sie auch am brutalsten, gewaltvollsten. Genau das bildet den &Uuml;bergang von der modernen zur postmodernen Stadt; ohne diese epochalen Kategorien zu verwenden, hat Alexander Mitscherlich das vor vier Jahrzehnten in seinem ber&uuml;hmten Buch als &raquo;die Unwirtlichkeit unserer St&auml;dte&laquo; diagnostiziert: &raquo;Unsere St&auml;dte und unsere Wohnungen sind Produkte der Phantasie wie der Phantasielosigkeit, der Gro&szlig;z&uuml;gigkeit wie des engen Eigensinns. Da sie aber aus harter Materie bestehen, wirken sie auch wie Pr&auml;gest&ouml;cke; wir m&uuml;ssen uns ihnen anpassen. Und das &auml;ndert zum Teil unser Verhalten, unser Wesen.&laquo; Doch wie wird das Verhalten, gar das Wesen des Gro&szlig;stadtmenschen ver&auml;ndert? Wie unterscheidet sich das, was Georg Simmel 1903 in seinem Aufsatz &raquo;Gro&szlig;stadt und Geistesleben&laquo; beschrieb und etwa in Romanen wie Alfred D&ouml;blins &raquo;Berlin Alexanderplatz&laquo; (1929) seinen literarischen Ausdruck fand, von Alltag und Erfahrung in den St&auml;dten in der zweiten H&auml;lfte des 20. Jahrhunderts und schlie&szlig;lich von heute?</p>
<p>So wie Mitscherlichs Befund damals von der Beat-Literatur kontrastiert wurde &ndash; man denke an Hubert Fichtes &raquo;Die Palette&laquo; von 1968 &ndash;, so steht Neumeisters St&auml;dtebaustellenroman im Kontext der beiden urbanistischen Gro&szlig;thesen, der von der wachsenden Stadt und der von den Shrinking Cities. Entscheidend ist, dass Neumeister mit &raquo;K&ouml;nnte K&ouml;ln sein&laquo; die Matrix einer Erfahrungsstruktur liefert, zu der bisher die Stadtforschung nur im selbstgef&auml;lligen, bornierten Jargon f&auml;hig war. &raquo;Wo &uuml;berall Menschen wohnen! Wohnen und mitten in der Pampa aus dem Bus aussteigen. Auch im Dunkeln.&laquo; Neumeisters lapidare und gewiss auch banale Feststellung nimmt im Gef&uuml;ge des Romans program&shy;matische Z&uuml;ge an und durchbricht jede Selbstverst&auml;ndlichkeit, mit der man sich bisher in St&auml;dten zu bewegen glaubte. Dazu passt, dass das Buch Gordon Matta-Clark gewidmet ist: Der 1978 jung verstorbene K&uuml;nstler hatte in den Siebzigern mit der Motors&auml;ge ganze H&auml;user durchtrennt und so eine Anarchitektur der Dekon&shy;struktion geschaffen, die nun, 2008, Neumeister mit den Mitteln der Literatur fortsetzt.</p>
<p>Andreas Neumeister: K&ouml;nnte K&ouml;ln sein. Suhrkamp, Frankfurt a/M.&#160;2008, 276 S., 16,80 Euro<br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/6fda275a5937f3fb9dbe1d61ec59d4" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/alle-wege-fuehren-zum-dom/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Wir sind wertlos!</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/wir-sind-wertlos/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/wir-sind-wertlos/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 13 Mar 2008 08:09:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Arbeit]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=14</guid>
		<description><![CDATA[Die Arbeit sei »mehr wert«, so begründen Gewerkschaften wie Verdi die aktuellen Arbeitskämpfe. Damit verkehren sie nur ökonomische Kategorien ins Moralische und riskieren, mögliche emanzipatorische Bewegungen im Keim zu ersticken. (Jungle World 11/2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Die Arbeit sei &raquo;mehr wert&laquo;, so begr&uuml;nden Gewerkschaften wie Verdi die aktuellen Arbeitsk&auml;mpfe. Damit verkehren sie nur &ouml;konomische Kategorien ins Moralische und riskieren, m&ouml;gliche emanzipatorische Bewegungen im Keim zu ersticken.</strong></p>
<p>&raquo;Soziale Arbeit ist mehr wert!&laquo;, &raquo;Pflege ist mehr wert!&laquo;, &raquo;Wir sind mehr wert!&laquo; Die Parolen, welche die j&uuml;ngsten Streikaktivit&auml;ten der Gewerkschaften, insbesondere Verdi, begleiten, muten paradox an. Es ist das ABC der Kritik der politischen &Ouml;konomie, dass Lohnarbeitsverh&auml;ltnisse im Kapitalis&shy;mus darauf basieren, dass die Arbeit mehr wert ist: Arbeit ist n&auml;mlich die einzige Quelle, aus der ein Mehrwert abgesch&ouml;pft werden kann. Anders gesagt: Der Mehrwert ist die Kapitalismus-spezifische Form des Mehrprodukts und geht &uuml;ber ein blo&szlig;es &Auml;quivalent f&uuml;r den Wert der Arbeitskraft, das ausreicht, um diese zu reproduzieren, hinaus.</p>
<p>Auch wenn man sich vermutlich in den PR-Abtei&shy;lungen der Gewerkschaften bewusst f&uuml;r diese Parolen entschieden hat, gerade weil sie mit der assoziativen N&auml;he zum marxistischen Vokabular kokettieren und allein deshalb k&auml;mpferisch klingen, so meinen sie tats&auml;chlich etwas anderes, der Kritik der politischen &Ouml;konomie vollkommen Ent&shy;gegengesetztes. Wenn es hier hei&szlig;t, dass die Arbeit &raquo;mehr wert&laquo; sei, dann steckt dahinter die Vorstellung, dass es sozusagen noch eine mora&shy;lische oder sittliche Wertdimension jenseits der rein &ouml;konomischen Logik gebe. Wenn hier also von &raquo;Wert&laquo; die Rede ist, dann geht es scheinbar gegen das reine Profitmotiv um die kulturelle Dimension der Arbeit.</p>
<p>Hinzu kommt, dass diese Arbeiten, die in der modernen Gesellschaft dem Dienstleistungssektor zugerechnet werden, sich ohnehin nicht prim&auml;r &ouml;konomisch legitimieren, sondern sozial. Gerade in Hinblick auf Pflege, Kinder&#8209; und Altenbetreuung sowie andere Gesundheitsdienste ist &raquo;Wert&laquo; mit der Vorstellung menschlicher &raquo;W&uuml;rde&laquo; verbunden, gemeinhin also mit Werten, die man gerade vor der &ouml;konomischen Logik sch&uuml;tzen m&ouml;ch&shy;te. Das Logo einer Verdi-Brosch&uuml;re zu diesem Thema zeigt ein Piktogramm-M&auml;nnchen (wie man es von den T&uuml;ren der M&auml;nnertoiletten kennt), das von zwei sch&uuml;tzenden H&auml;nden gerahmt wird (seit Albrecht D&uuml;rer fester Bestandteil der trivi&shy;al-religi&ouml;sen Ikonografie); darum ranken sich die Slo&shy;gans &raquo;Mensch &ndash; nicht Kostenfaktor&laquo; und &raquo;W&uuml;rde ist das Ma&szlig;!&laquo;</p>
<p>Die Idee allerdings, dass die bestehende Gesellschaft auf Grundwerten basiere, die sich allein auf Humanit&auml;t beziehen, also auf einen &raquo;Wert des Menschen an sich&laquo;, ist Ideologie im strengen Sinne: notwendig falsches Bewusstsein. Es ist das falsche Bewusstsein, wonach der angeblich tats&auml;chliche Wert der Arbeit sich in ihrem moralisch-sittlichen Potenzial manifestiert: Gerade diejenigen Arbeitsverh&auml;ltnisse, so wird mit dem Common Sense argumentiert, bei denen man un&shy;mittelbar mit Menschen zu tun hat, sollten eine h&ouml;here Wertsch&auml;tzung erfahren, die sich auch be&shy;zahlt macht. &raquo;Was ist der Gesellschaft mehr wert: die Reparatur eines Autos oder die Pflege eines Kranken? Die Arbeitsstunde in einer Autowerkstatt kostet oft doppelt so viel wie die Arbeitsstun&shy;de eines ambulanten Pflegedienstes. Es wird als &rsaquo;nat&uuml;rlich&lsaquo; angesehen, dass soziale Dienstleistun&shy;gen billig zu erbringen sind&laquo;, begr&uuml;ndet Verdi die Kampagne &raquo;Soziale Arbeit ist mehr wert!&laquo; auf ihrer Internetseite.</p>
<p>Dem positiv definierten &raquo;Wert der Arbeit&laquo; setzt man ein anderes &raquo;nat&uuml;rliches&laquo; Ma&szlig; entgegen, n&auml;mlich den Eigenwert der Besch&auml;ftigungen im sozialen Bereich, und f&uuml;hrt perfide die &ouml;kono&shy;mische Konkurrenz auf der Ebene der &raquo;menschlichen Qualit&auml;t&laquo; fort. Die soziale Arbeit ist unter gegebenen Bedingungen der Leistungs&ouml;konomie eben doch nicht autonom als &raquo;mehr wert&laquo; begr&uuml;ndbar, sondern ist auf den Vergleich mit anderen Lohnarbeitst&auml;tigkeiten wie dem Automechaniker angewiesen. Das schl&auml;gt in eine fatale Logik zur&uuml;ck: Je sch&auml;rfer die &ouml;konomische Ungleichheit innerhalb des Kapitalismus angegriffen wird, desto selbstverst&auml;ndlicher wird der Kapitalismus als solcher akzeptiert, desto mehr erscheinen die Produktionsverh&auml;ltnisse selbst als &raquo;nat&uuml;rlich&laquo;.</p>
<p>Das ist aber die Crux an der Sache, denn es bleibt dabei, dass es sich um Arbeitsverh&auml;ltnisse handelt, die prinzipiell nicht in Frage gestellt werden. Best&auml;ndig wird affirmiert, dass es sich insgesamt um ein der Verwertungslogik unterworfenes System handelt, in dem menschliche T&auml;&shy;tigkeit nur in Form der Lohnarbeit honoriert wird. Ein Gewerkschafter, der auf der Verdi-Home&shy;page in der Rubrik &raquo;Soziale Arbeit ist mehr wert, weil&thinsp;&hellip;&thinsp;&laquo; zu Wort kommt &ndash; Berufsangabe: Heilp&auml;dagoge &ndash; bringt es auf den Punkt: &raquo;Auch mal gesagt zu bekommen &rsaquo;Ja, Sie sind Ihr Geld wert&lsaquo;. Nicht immer nur als Kostenfaktor behandelt zu werden. Soziale Arbeit ist menschliche Wertsch&auml;t&shy;zung.&laquo;</p>
<p>Der Begriff des Wertes &ndash; egal wie er in der allgemeinen oder individuellen Ideologie verortet wird &ndash; ist von seiner &ouml;konomischen Bedeutung &uuml;berhaupt nicht zu trennen. Ihm ist das Tauschprinzip wesentlich. Ein Blick in ein etymologisches W&ouml;rterbuch ist dabei hilfreich. Das Adjektiv &raquo;wert&laquo; geh&ouml;rt zu der unter &raquo;werden&laquo; behandelten indogermanischen Wortgruppe und bedeutet &raquo;gegen etwas gewendet&laquo; im Sinne von &raquo;einen Gegenwert habend&laquo;. Im &Uuml;brigen leitet sich auch das Wort &raquo;W&uuml;rde&laquo; aus demselben Kontext ab. Die Vorstellung, die sich allerdings von &raquo;Wert&laquo; und &raquo;W&uuml;rde&laquo; als besondere menschliche Qualit&auml;ten in der Moderne durchgesetzt hat, unterschl&auml;gt diese Bedeutungsdimension des absch&auml;tzenden Vergleichs und setzt Wert und W&uuml;rde als selbst&auml;n&shy;dige Gr&ouml;&szlig;en.</p>
<p>Wert und W&uuml;rde bekommen damit ihre sittlich-moralische Bedeutung, das betrifft schlie&szlig;lich sogar die Ethik, die gleichsam Eingang in die b&uuml;r&shy;gerliche Ideologie gefunden hat. Die neuzeitliche Philosophie unterscheidet Wertethiken von Pflicht&shy;ethiken. Es ist gewiss kein Zufall, dass sich die Konzepte der Wertethik im 20. Jahrhundert im Schatten der imperialistisch-kolonialen, hochkapitalistischen Ent&#8209; und Verwertung des Menschen herausbildeten. In derselben Zeit, in der im Namen &ouml;konomischer Effizienz offiziell damit begonnen wurde, alles Menschliche in profitable Waren zu verwandeln und alles Wertlose zu vernichten, berief sich die Philosophie auf ideale, zeitlose Werte, die das Handeln der Menschen be&shy;stimmen sollten. So argumentierte etwa Max Scheler gegen Immanuel Kant, der mit seiner Mo&shy;ralphilosophie des kategorischen Imperativs die typische Pflichtethik formulierte; ein Sittengesetz, das allerdings auch wertm&auml;&szlig;ige Implikationen enth&auml;lt, wenn es etwa hei&szlig;t: &raquo;Handle so, dass du die Menschheit, sowohl in deiner Person, als in der Person eines jeden andern, jederzeit zugleich als Zweck, niemals blo&szlig; als Mittel brauchest.&laquo;</p>
<p>Sowenig wie die streikenden Gewerkschafter offenbar Marxisten sind, sowenig werden sie Kan&shy;tianer sein; ohnehin sind die Handlungsmaximen des b&uuml;rgerlichen Individuums weitgehend diffus und widerspr&uuml;chlich. Dennoch sind Parolen wie &raquo;Arbeit ist mehr wert!&laquo; Ausdruck moralischer Wertvorstellungen, die sich &ndash; wenn eben auch inkonsistent und inkonsequent &ndash; zum Teil aus der Wertethik, zum Teil aus der Pflichtethik speisen. F&uuml;r die gesellschaftliche Praxis ist indes entscheidend, inwiefern sich das b&uuml;rgerliche Bewusstsein vom moralischen Wert des Menschen mit den konkreten, klassenspezifischen Lebensverh&auml;ltnissen verbindet.</p>
<p>Die alte Arbeiterbewegung hat vorgemacht, was heute nach wie vor von der Sozialdemokratie und den Gewerkschaften wiederholt wird: Die W&uuml;rde des Menschen sei mit dem Wert der Ar&shy;beit identisch &ndash; und der Zweck des Menschen durch den Homo Oeconomicus definiert. Sofern mit der Losung, dass die Arbeit &raquo;mehr wert&laquo; sei, blo&szlig; wiederholt wird, was ohnehin den fortgeschrittenen Kapitalismus in seiner Struktur charakterisiert, laufen die k&auml;mpferischen Gewerk&shy;schaftsparolen um den Wert der Arbeit auf Scheingefechte hinaus. Denn weder der Wert noch der Mehrwert der Arbeit wird ja gesellschaftlich infrage gestellt; lediglich glaubt man verhandeln zu k&ouml;nnen, wem der Wert oder Mehrwert zukommt.</p>
<p>Dass in den Debatten auch noch von Lohngerech&shy;tigkeit die Rede ist, offenbart den affirmativen Charakter der aktuellen Arbeitsk&auml;mpfe. Gleichzeitig zeigt sich darin aber auch eine politische Ohnmacht, nicht nur der Gewerkschaften, sondern auch der Streikenden selbst. Sie verm&ouml;gen ihre Interessen nur noch mit dem System wahrzunehmen, nicht mehr gegen das System. Dass das System selber kaum noch M&ouml;glichkeiten der positiven Bezugnahme bietet, wird nicht mit so&shy;zialer Phantasie pariert, sondern mit hilflosem Konformismus. Insofern verl&auml;uft diese Auseinandersetzung &auml;hnlich wie die um das Grundeinkommen und auch die letzten Studentenproteste: Mit den strukturellen Zw&auml;ngen des Systems hat man sich immer schon abgefunden und versucht, durch den Kompromiss zu provozieren. &raquo;Bildung ist keine Ware!&laquo; ist auf den Transparenten der Studierenden zu lesen &ndash; dabei ist die Funktion der Universit&auml;t keine andere als die, Bildung als Ware zu produzieren. Und in ausgefeilten Rechnungen kalkuliert man das garantierbare Grundeinkommen &ndash; dabei w&auml;re die Forderung nach Spitzengeh&auml;ltern als Grundeinkommen genauso realistisch. Und man proklamiert schlie&szlig;lich, dass soziale Arbeit mehr wert sei, statt sich gegen die Verwertungslogik selbst zu wenden und die Arbeit als wertlos zu verteidigen.</p>
<p>Kurzum: Dass gestreikt wird und dass Menschen bereits sind, f&uuml;r bessere Lebensbedingungen solidarisch zu k&auml;mpfen, ist ein guter Ausgangspunkt f&uuml;r eine Politik, die in letzter Instanz nicht anstrebt, die bestehende &Ouml;konomie zu verbessern, sondern zu &uuml;berwinden. Daf&uuml;r braucht es eine konkrete Utopie, die ihren Begriff nicht aus den herrschenden Verh&auml;ltnissen gewinnen kann. Wenn aber gerade von Gewerkschaften, die es nach der historischen Erfahrung des Schei&shy;terns der Arbeiterbewegung besser wissen sollten, der Ausgangspunkt zum Ziel gemacht wird, und als Kampfbegriffe blo&szlig; &ouml;konomische Kategorien ins Moralische verkehrt werden, dann ersticken m&ouml;gliche emanzipatorische Bewegungen bereits im Keim. F&uuml;r diejenigen, die weiterhin in das Treibrad kapitalistischer &Ouml;konomie eingespannt sind, ger&auml;t eine solche Kampagne, die ausgerechnet die Ideologie des &raquo;Wertes&laquo; in ihr Zentrum r&uuml;ckt, zum Selbstbetrug &uuml;ber das Elend ihrer wertlosen Existenz.<br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/98e9d52f9adb11a00ab1c27cdd0acf" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/wir-sind-wertlos/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Sie nennen es Arbeit</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/sie-nennen-es-arbeit/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/sie-nennen-es-arbeit/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 06 Mar 2008 08:53:57 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=18</guid>
		<description><![CDATA[Christine Achinger hat in einer Studie nicht nur Gustav Freytags Roman »Soll und Haben« analysiert, sondern auch eine Kritik des »deutschen Fleißes« vorgelegt. (Jungle World 10/2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Christine Achinger hat in einer Studie nicht nur Gustav Freytags Roman &raquo;Soll und Haben&laquo; analysiert, sondern auch eine Kritik des &raquo;deutschen Flei&szlig;es&laquo; vorgelegt.</strong></p>
<p>Am Anfang steht eine gl&uuml;ckliche Kind&shy;heit: Im schlesischen Ostrau ist alles in Ordnung. Anton Wohlfart w&auml;chst in einem beh&uuml;teten Elternhaus auf, Weihnachten wird Kaffee und Zucker aus einer Ber&shy;liner Kolonialwarenhandlung geschickt. Der Ent&shy;schluss steht fest, in die Fu&szlig;stapfen des Vaters zu treten und Kaufmann zu werden. Auf dem Weg nach Berlin begegnet Anton seiner Lebensliebe, Lenore, sowie einem alten Schulkameraden, dem Juden Veitel Itzig: Auch er will in die Hauptstadt, will ebenfalls den Beruf des Kaufmanns ergreifen. Itzig tritt seine Lehrzeit dann im j&uuml;dischen Haus des H&auml;ndlers Ehrenthal an, Wohlfart findet im Kontor des Prinzipals Traugott Schr&ouml;ter sein neues Zuhause. So beginnt &shy;einer der bekanntesten Romane der deutschsprachigen Literatur: Gustav Freytags &raquo;Soll und Haben&laquo;, erschienen 1855. Noch bis weit in die bundesdeutsche Nachkriegszeit ist das Buch ver&shy;breitet, die vorl&auml;ufig letzte Auflage erschien 2007.</p>
<p>Freytag hat f&uuml;r eine Masse geschrieben, in der sich jeder als Individuum verstand, das mit der Masse nichts zu tun hatte; f&uuml;r eine Leserschaft, die zugleich rezipierend und konsumierend an ein Buch herantritt. So liegt der enorme Erfolg des Romans zweifellos nicht in der literarischen Qualit&auml;t begr&uuml;ndet, sondern im Unterhaltungswert, der sich in einer Reihe von Motiven entfaltet, die das deutsche b&uuml;rgerliche Selbstbewusstsein nach dem Scheitern der Revolution von 1848 charakterisieren: Die Motive werden von antij&uuml;dischen, antisemitischen, antislawischen, nationalistischen und frauenfeindlichen Gehalten bestimmt. Zur Wirkung des Buches geh&ouml;rt &uuml;berdies, dass die Motive gleich&shy;g&uuml;ltig &uuml;berlesen wurden. Diese Haltung entspricht einem Massenpublikum, das untrennbar mit der literarischen Gattung verbunden ist, zu der auch Freytags Roman geh&ouml;rt. Qualit&auml;t und Erfolg sind dieser Haltung gleich. Die poli&shy;tische wie &auml;sthetische Kritik der Literatur, und das ist ein wesentlicher Unterschied etwa zur b&uuml;rgerlichen Leserschaft noch zu Beginn des 19.&thinsp;Jahrhunderts, wird als Sache der literaturwissenschaftlichen Forschung abgetan.</p>
<p>&raquo;Soll und Haben&laquo; erscheint als Bildungs&shy;roman zu einer Zeit, in der die Idee der Bildung, der reale Humanismus des sich selbst verwirklichen&shy;den Menschen, bereits zu den &raquo;Ruinen der Bour&shy;geoisie&laquo; geh&ouml;rten, wie Benjamin einmal bemerk&shy;te. Bildung ist nur noch die Tugend, das flei&szlig;ige und rechtschaffene Tun, ein Leitbild, das sich erst noch klassen&uuml;bergreifend in der Angestelltenkultur und ihrem ubiquit&auml;ren Kleinb&uuml;rgergeist manifestieren sollte.</p>
<p>&raquo;Nicht erst der gl&uuml;ckliche Ausgang aller Verwicklungen, die Bestrafung der B&ouml;sewichter und die erfolgreiche Erziehung Antons vom romantischen J&uuml;ngling zum n&uuml;chternen und selbstbewussten B&uuml;rger, die prompt mit Ehegl&uuml;ck und Sicherung seiner beruflichen Zukunft belohnt werden, affirmieren die b&uuml;rgerliche Wertsch&auml;tzung von Sittlichkeit, Arbeitsamkeit und Nationalgef&uuml;hl. Auch das schematische System von Oppositionen, das der Roman konstruiert, in dem fast jede Figur ihr Gegenst&uuml;ck findet und in dem die anderen Gruppen &ndash; der Adel, die Polinnen und Polen, J&uuml;dinnen und Juden &ndash; in unterschiedlicher Weise dem B&uuml;rgertum entgegen&shy;gesetzt werden, dient vor allem der kontrastiven Definition deutscher b&uuml;rgerlicher Identit&auml;t und der Affirmation b&uuml;rgerlicher Werte.&laquo; Mit diesen S&auml;tzen beschreibt Christine Achinger das kritische Forschungsprogramm ihrer gerade erschienenen, fulminanten Studie zu &raquo;Soll und Haben&laquo;. Die am German Departement der Universit&auml;t Warwick lehrende Autorin liest Freytags Roman &raquo;vor allem als Reaktion auf Probleme, die mit dem Aufstieg der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft in den deutschen L&auml;ndern verbunden waren und zum Teil in gewandelter Gestalt diese Gesellschaftsform immer noch begleiten. Die Konstruktion nationaler, st&auml;ndischer, kultureller und geschlechtlicher Identit&auml;ten, die sich vielfach &uuml;berschneiden und durcheinander vermittelt sind, und das Bem&uuml;hen des Romans, die Welt durch Oppositionsstrukturen zu ordnen, lassen sich insgesamt als Versuch verstehen, die konflikthaften, widerspr&uuml;chlichen und bedrohlichen Z&uuml;ge der kapitalistischen Gesellschaft erz&auml;hlerisch in den Griff zu bekommen.&laquo;</p>
<p>Achingers Untersuchung weist insofern &uuml;ber die lediglich literaturwissenschaftliche Auseinandersetzung mit Freytags Roman hinaus und stellt die Geschichte der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft seit Mitte des 19.&thinsp;Jahrhunderts selbst zur Disposition. Die &raquo;gespaltene Moderne&laquo;, so der Titel der Studie, ist dabei nicht nur die Denkfigur, die den Roman bestimmt, sondern auch die Epoche und ihre Ideologie. Bem&uuml;hte sich die kri&shy;tische Forschung zu Freytags &raquo;Soll und Haben&laquo; bisher immer um Eindeutigkeit, so arbeitet Achinger heraus, inwieweit die Ambivalenz einer unvers&ouml;hnten Moderne, die permanent als vers&ouml;hnte vorgestellt wird, f&uuml;r die Struktur des Romans konstitutiv ist und sich ebenso in der narrativen Form des Texts und in den &auml;sthetischen Debatten der Zeit wiedererkennen l&auml;sst.</p>
<p>Dies f&uuml;hrt Achinger anhand der drei Komplexe &raquo;Nation, Geschlecht und Judenbild&laquo; aus und bezieht sich dazu auf die neuere und neueste kritische Theorie der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft und ihrer &ouml;konomischen Grundlagen. F&uuml;r die &raquo;Gretchenfrage der Freytagforschung, wie man es mit dem Antisemitismus in &rsaquo;Soll und Haben&lsaquo; halte&laquo;, stellt Achinger etwa Moishe Postones &raquo;Zeit, Arbeit und gesellschaftliche Herrschaft&laquo; zur Diskussion. Postones umfangreicher Rekon&shy;struktionsversuch einer Kritik der politischen &Ouml;konomie betont die wertkritische Lesart des Marx&rsquo;schen Arbeitsbegriffs, die es erlaubt, die Kritik und den Begriff des Antisemitismus materialistisch zu fundieren. Und das hei&szlig;t vor allem, Antisemitismus im Kontext von Nation, Politik und &ouml;konomischer Entwicklung zu verorten: als Ausdruck der gespaltenen Moderne, beziehungsweise im Sinne einer kritischen Theorie als Ausdruck der Dialektik der Aufkl&auml;rung.</p>
<p>Das passt zu Freytags Roman, insofern in ihm das &ouml;konomische Feld, das idealisierte Han&shy;dels&shy;wesen, gleichsam zum Schauplatz einer spe&shy;zifisch deutschen, &raquo;vers&ouml;hnten&laquo; Moderne wird, &raquo;in der die Fragmentierung der b&uuml;rger&shy;lichen Ge&shy;sellschaft und die Abstraktheit gesellschaftlicher Vermittlung aufgehoben scheinen durch &rsaquo;deutsche Arbeit&lsaquo; als konkrete, produktive, moralisch bestimmte Aktivit&auml;t&laquo;. Dies funk&shy;tioniert im Roman wie in der Moderne selbst durch die Projektion der sozialen Bedrohung auf die Figuren der Anderen: ma&szlig;geblich Juden, aber auch Frauen oder andere Nationen respek&shy;tive &raquo;Rassen&laquo; und &raquo;V&ouml;lker&laquo;. Vor allem das natio&shy;nale Selbstbild der Deutschen und das Judenbild sind dabei komplex vermittelt: &raquo;In ihrer har&shy;mo&shy;ni&shy;sie&shy;renden wie in ihrer aggressiven Erschei&shy;nungs&shy;form produziert die Nation im Roman An&shy;schl&uuml;s&shy;se entlang nationaler und ethnisierender Grenzen: Nach au&szlig;en erfahren sich die B&uuml;rger, Bauern und Barone gemeinsam als Deutsche erst im Kampf gegen den polnischen Feind, im Innern ist die Konstruktion der nationalen Harmonie nur m&ouml;glich durch die Abgrenzung von den &rsaquo;Juden&lsaquo;&laquo;</p>
<p>Eine interessante Perspektive entwickelt Achin&shy;ger schlie&szlig;lich in Hinblick auf die &Auml;sthetik des Romans: Sie analysiert, ganz im Sinne einer his&shy;torisch-kritischen Theorie der Literatur, &raquo;Soll und Haben&laquo; mit dem Blick auf die Kunsttheorien der damaligen Epoche &ndash; n&auml;mlich im Kontext von Hegels &Auml;sthetik. Hegel begreift Kunst vor dem Hintergrund seiner Philosophie des Subjekts: Die Frage, welchen Anteil die Kunst an der historischen Entfaltung des Geistes hat, f&uuml;hrt zur einer fast schon materialistischen Problema&shy;tisierung der gesellschaftlichen Funktion von Kunst. Entscheidend ist Hegels Diagnose, dass die Kunst seiner Zeit, die romantische Kunst, nicht mehr an die Wirklichkeit heranreicht: Statt dass das K&uuml;nstlersubjekt die Welt ver&auml;ndert, ver&shy;&auml;ndert es nur noch sich selbst.</p>
<p>Was bei Hegel ein Problem der Realit&auml;t ist, wird indes in Freytags Roman zum Problem der Wahrnehmung, schlie&szlig;lich der Darstellung der Realit&auml;t. Freytags Realismus l&ouml;st dieses Problem. &raquo;Aufgabe der Literatur ist es gerade, die Wirklichkeit in einer Weise zu beleuchten, die sichtbar macht, dass die Vers&ouml;hnung von subjektivem Anspruch und objektiver Realit&auml;t bereits geleistet ist. Aufhebung von Entfremdung wird so zu einer Frage des richtigen Blicks auf die Welt erkl&auml;rt, und &rsaquo;Soll und Haben&lsaquo; &uuml;bt diesen Blick ein; der Roman wird zur narrativen Kur f&uuml;r das Unbehagen in der Moderne&laquo;, res&uuml;miert Achinger.</p>
<p>Was Achinger als Matrix einer gespaltenen Moderne entwirft, beschr&auml;nkt sich nicht auf die zweite H&auml;lfte des 19.&thinsp;Jahrhunderts, in der Freytags Buch in deutlicher Beziehung zu den so&shy;zia&shy;len Verh&auml;ltnissen steht. Die Frage ist, wie sich der anhaltende Erfolg von &raquo;Soll und Haben&laquo; bis in die Gegenwart erkl&auml;ren l&auml;sst. Die These lautet, dass er in gr&ouml;&szlig;erem Ma&szlig; mit der Gesellschaft zu tun hat als mit der Literatur. &raquo;Jede Nation hat den Kipling, den sie verdient: Die Deutschen hatten ihren Gustav Freytag samt dessen Wohlfart&laquo;, bemerkte Jean Am&eacute;ry 1978 anl&auml;sslich einer Neuauflage des Romans geh&auml;ssig. Doch auch im ausgehenden 20.&thinsp;Jahrhundert schien eine Figur wie Anton Wohlfart noch immer einen Gesellschaftscharakter zu repr&auml;sentieren, der als individuelles wie kollektives Vor&#8209; und Leitbild f&uuml;r die Deutschen fungieren konnte. Deutsche Wertarbeit und deutscher Flei&szlig; &ndash; die von Wohlfart verk&ouml;rperten Tugenden wurden schlie&szlig;lich zu Qualit&auml;tsmerkmalen, mit denen die deutsche Gesellschaft sich noch immer nach au&szlig;en pr&auml;sentiert. So schreibt Achinger mit ihrer Romananalyse auch eine kritische Theorie der Gesellschaft. Denn &raquo;deutsche Arbeit&laquo; ist &raquo;die Bastion des auto&shy;nomen, moralisch handelnden Subjekts vor Entfremdung und Abstraktion, das Ge&shy;genprinzip der &rsaquo;j&uuml;dischen&lsaquo; Welt im Roman&laquo;. Und nicht nur im Roman, sondern auch in der Wirklichkeit der deutschen Ideologie.</p>
<p><em>Christine Achinger: Gespaltene Moderne. Gustav Freytags &raquo;Soll und Haben&laquo;. Nation, Geschlecht, Judenbild. K&ouml;nigshausen&thinsp;&amp;&thinsp;Neumann, W&uuml;rzburg 2007, 378 S., 48 Euro</em><br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/11ec92f091e816d0acd74c4e5ff683" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/sie-nennen-es-arbeit/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Autonomes Krisengebiet</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/autonomes-krisengebiet/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/autonomes-krisengebiet/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 07 Feb 2008 08:57:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Musikindustrie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=19</guid>
		<description><![CDATA[Ob die Musikindustrie durch ihre Verluste wirklich in die Krise geraten ist, ist eine Frage. Die andere ist, ob der Verlust der Autonomie der Musik zu einer Krise der Musik selbst geführt hat. (Jungle World 6/2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ob die Musikindustrie durch ihre Verluste wirklich in die Krise geraten ist, ist eine Frage. Die andere ist, ob der Verlust der Autonomie der Musik zu einer Krise der Musik selbst gef&uuml;hrt hat.</strong></p>
<p>Die Rede von einer Krise der Musikindustrie bezieht sich auf ein ganz bestimmtes Segment der Kulturwarenproduktion, &uuml;ber das sich die Branche in den vergangenen f&uuml;nf Jahrzehnten definier&shy;te: Es geht um Tontr&auml;ger. Popmusik &ndash; die ohnehin als identisch mit Popkultur gilt &ndash; wird dabei weit&shy;gehend synonym mit den verschiedenen Zweigen des Tontr&auml;germarktes gesetzt.</p>
<p>In den Ph&auml;nomenen, die gegenw&auml;rtig die Krise charakterisieren &ndash; Konkurs vieler Labels und Ver&shy;triebe, R&uuml;ckgang der Plattenverk&auml;ufe, Umsatz&shy;einbu&szlig;en durch MP3-Downloads, schlecht besuch&shy;te Konzerte etc. &ndash;, spiegelt sich ein grunds&auml;tzlicher Umw&auml;lzungsprozess der Kultur. Nicht nur das individuelle H&ouml;rverhalten hat sich ver&auml;ndert, sondern &raquo;Musik&laquo; scheint ihre kulturelle Bedeutung zu verlieren. So sind die Jugendkulturen, die einmal das Musikleben bestimmt haben, fast ganz verschwunden; selbst im Bereich der nach wie vor falsch als &raquo;Klassik&laquo; bezeichneten Musik sind dereinst stabile Geschmacks&shy;gruppen kollabiert; den &raquo;Fan&laquo; &ndash; der vor Jahrzehnten einmal als Experte des komplexen Jazz entstand &ndash; gibt es heute nur noch als Kindermob, der Castingbands hinterherkreischt.</p>
<p>In den &ouml;ffentlich gef&uuml;hrten Debatten um die Krise der Musikindustrie wird &uuml;ber die Musik selbst kaum gesprochen. Es scheint, als ver&auml;ndere sich nicht nur das H&ouml;rverhalten, sondern auch das &raquo;H&ouml;ren&laquo; als spezifischer Umgang mit &raquo;Musik&laquo; wird sukzessive au&szlig;er Kraft gesetzt. Die Rezi&shy;pien&shy;ten sind vollends zu Konsumenten geworden. Vom Geschmacksurteilsverm&ouml;gen ist ein Reiz-Reak&shy;tions-Schema &uuml;brig geblieben, wonach &raquo;Mu&shy;sik&laquo; nur noch als akustisches Signal wiedererkannt wird: Klingelt&ouml;ne geben hier das Prinzip vor.</p>
<p>Zur Disposition steht &ndash; deswegen die Anf&uuml;hrungszeichen &ndash;, ob sich hier nicht ein Ende der Musik selbst ank&uuml;ndigt, eine Entmusikalisierung der Musik. Hinzu kommt, dass die Rede von der Krise der Musikindustrie sowieso in zweierlei Hinsicht fragw&uuml;rdig ist.</p>
<p>Zum einen hat die Musikindustrie, sofern sie denn &uuml;berhaupt als Branche fassbar ist, seit ihren Anf&auml;ngen technische Entwicklungen vollzogen, die zum Resultat haben, dass mitunter dieselben Firmen, die sich jetzt vom Umsatzr&uuml;ckgang bedroht sehen, enorme Profite in genau den Bereichen zu verzeichnen haben, die f&uuml;r die Krise verantwortlich gemacht werden: Angesichts der Ver&shy;kaufszahlen von Musik reproduzierender Unterhaltungselektronik (MP3-Player, Computer, CD-Rohlinge, Mobiltelefone, etc.) kann wohl kaum ernsthaft von einer Krise der Musikindustrie gesprochen werden.</p>
<p>Zum anderen &ndash; und das ist der f&uuml;r unsere &Uuml;ber&shy;legungen wichtigere Aspekt &ndash; steht die Krise der Musikindustrie im merkw&uuml;rdigen Kontrast zum fortlaufenden Boom des Kunstmarktes: Das alte Modell ist der Musiker Lars Ulrich, der &ndash; wie in dem sch&ouml;nen Metallica-Film &raquo;Some Kind of Mons&shy;ter&laquo; zu sehen ist &ndash; f&uuml;r mehrere Millionen seine Basquiat-Bilder verkauft; das neue Modell ist der Maler Daniel Richter, der das Buback-Label gekauft hat, Jan Delay und die Goldenen Zitronen finanziert.</p>
<p>Diese Entwicklung hat ihre Ursachen im grund&shy;s&auml;tzlichen Verh&auml;ltnis von Kunst, Kunstwerk und Kunstware, das sich sp&auml;testens seit den Zeiten der Kulturindustrie in der Musik anders entfaltete als in der Bildenden Kunst. Die Schl&uuml;sselkategorie ist hier der Begriff der Autonomie.</p>
<p>Die Autonomie der Kunst ist Moment ihrer Eman&shy;zipation von den Abh&auml;ngigkeiten der vorb&uuml;rger&shy;lichen Gesellschaft, von Hof und Kirche. Die Idee der Autonomie der Kunst korrespondiert mit dem Entwurf eines autonomen Subjekts, das &ndash; dem Ideal der Aufkl&auml;rung folgend &ndash; die empha&shy;tische Selbstbestimmung meint; gleichzeitig wird die Kunst zunehmend zum einzigen Ort, an dem das autonome Subjekt sich &uuml;berhaupt verwirklichen kann &ndash; als K&uuml;nstler. Derart wird Autonomie zur Qualit&auml;t einer geschlossenen Einheit des Kunstwerkes, wobei zur Autonomie der Kunst ihr Wahrheitsgehalt geh&ouml;rt, der auf Erkenntnis zielt. Hieraus leitet sich die gesamte &raquo;Ideologie des &Auml;sthetischen&laquo; (Terry Eagleton) ab, die den Kunstbegriff und den Kunstbetrieb im b&uuml;rgerlichen Zeitalter kennzeichnet.</p>
<p>Denn die &Auml;sthetik der Autonomie ist nur m&ouml;glich, wo sich ein eigenst&auml;ndiger Kunstmarkt herausbildet. Die &raquo;Zweckm&auml;&szlig;igkeit ohne Zweck&laquo; (Kant), die als Grundsatz der Autonomie&#8209;&Auml;sthetik gelten kann, wird im Kunstwerk dadurch gerettet, dass der gesellschaftliche Zweck der Kunst vom Werk selbst abgespalten wird; erst wo die Kunst zur Ware wird, kann sie eine Form der Auto&shy;nomie realisieren, die paradoxerweise darin besteht, die Unabh&auml;ngigkeit vom &ouml;konomischen Markt zu deklarieren. Damit verdoppelt sich in der Kunst der von Marx beschriebene Fetischcharakter der Ware.</p>
<p>F&uuml;r die Musik hatte das besondere Konsequenzen, weil hier ohnehin die Frage des Originals (Was ist das Original der Musik? Die Komposi&shy;tion oder die Interpretation? Die Partitur, die Urauff&uuml;hrung, die erste Aufnahme?) im Raum stand, &auml;sthetisch, aber auch juristisch im Sinne des Urheberrechts.</p>
<p>Inwiefern hier einzelne Probleme nicht vom Gesamtkomplex musikalischer Produktion abgespalten werden k&ouml;nnen, kann folgende Anekdote verdeutlichen, die als Antizipation heutiger Urheberrechtsdebatten gelten kann: Der Erfinder Johann Nepomuk M&auml;lzel konstruierte 1805 sein Panharmonicum, eine mit einer Notenwalze funk&shy;tionierende Musikmaschine. Beethoven kom&shy;ponierte f&uuml;r diesen Apparat &raquo;Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria&laquo; (op.&#160;91). Allerdings war die Komposition mechanisch nicht realisierbar, weshalb M&auml;lzel Beethoven zur Orchesterfassung riet, die dann im Dezember 1813 in Wien bei einem Benefizkonzert f&uuml;r invalide Soldaten aufgef&uuml;hrt wurde. Gerade weil das Konzert ein au&szlig;erordentlicher Erfolg f&uuml;r beide war, kam es zu einem heftigen, gerichtlichen Streit &uuml;ber die Eigentumsrechte, der erst einige Jahre sp&auml;ter bei&shy;gelegt werden konnte.</p>
<p>Bezeichnend an diesem Beispiel ist, inwiefern die Technik als produktiver Faktor das Verh&auml;ltnis von Autonomie und Markt irritiert: Der Nichtmusiker M&auml;lzel erfindet einen Musikapparat und reklamiert das Recht an der Kunst aus &ouml;konomischen Gr&uuml;nden. Das Kunstwerk tritt jetzt ins Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ein, wie es &uuml;ber ein Jahrhundert sp&auml;ter Walter Ben&shy;jamin diagnostiziert.</p>
<p>Auf keine der klassischen Kunstformen hat die Massenproduktion gerade im Hinblick auf die Technik einen solch enormen Effekt gehabt wie auf die Musik; selbst die Folgen f&uuml;r die Literatur sind angesichts der technischen Umw&auml;lzungen, die das Musikleben in den vergangenen 200 Jahren erfahren hat, vergleichsweise sp&auml;rlich. Doch die Massenproduktion hat nicht nur technische Folgen f&uuml;r die Musik: Schon 1851 wird in Frankreich eine Verwertungsgesellschaft als Interessenvertretung f&uuml;r Musikproduzenten gegr&uuml;ndet.&#160;1902 tritt in Deutschland das &raquo;Urheberrecht an Werken der Literatur und Tonkunst&laquo; in Kraft; 1903 wird die Anstalt f&uuml;r musikalische Auff&uuml;hrungsrechte (AFMA) gegr&uuml;ndet. In Wien formiert Arnold Sch&ouml;nberg 1904 den Verein schaffender Tonk&uuml;nst&shy;ler (zum Vergleich: Der Deutsche Werkbund wird erst 1907 gegr&uuml;ndet). Durch die Verbreitung der Radiomusik wird 1914 in New York die ASCAP (American Society of Composers, Authors and Pu&shy;blishers) ins Leben gerufen. Sie steht auch im Zusammenhang mit der Sheet Music: einzelnen Notenheften, die von den Musikverlagen der New Yorker Tin Pan Alley herausgegeben wurden. Nach 1930 verliert die Sheet Music an Bedeutung, weil sich durch die Entwicklung der Plattenindustrie eine neue Musikkultur formiert: Rock&rsquo;n&rsquo;Roll.</p>
<p>Der Rock&rsquo;n&rsquo;Roll definiert Popkultur als Popmusik: Sie muss sich nicht mehr als autonome Kunst gegen den Kommerz verteidigen, sondern macht aus dem Bekenntnis zum &ouml;konomischen Markt ihr offensives &auml;sthetisches Programm. Ist in der Kulturindustrie alle Kultur Ware, so wird mit der Popkultur alle Ware zur Kultur. Das, was heute als &raquo;Musik&laquo; gilt, hat sich verselbst&auml;ndigt. Man redet &uuml;ber &raquo;die Musik&laquo; als Ganzes und meint damit lediglich den &ouml;konomischen Sektor, bei dem die Rolling Stones, Madonna, Silbermond oder Beyonce nur noch als austauschbare Platzhalter f&uuml;r die Ware Tontr&auml;ger funktionieren.</p>
<p>Allerdings geht es um mehr als die vermeintliche Krise der Musikindustrie. Man kann es als folgende Gro&szlig;these formulieren: So wie das Automobil die fordistische &Auml;ra als spezifische Ware markiert, kann der Tontr&auml;ger als signifikante Ware des Postfordismus gelten. Nun w&auml;re zu fragen, ob sich mit dem Verschwinden der Tontr&auml;ger der Postfordismus in eine neue Stufe der Wert&shy;vergesellschaftung aufl&ouml;st. Das h&auml;tte vor allem Konsequenzen f&uuml;r den Menschen als Individuum, was schon im Postfordismus eine Idee war, die sich bereits mit dem Fordismus zersetzt hat. Hier ist die Krise.</p>
<p><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/a91bb7f814ec5ace5df3c189547df7" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/autonomes-krisengebiet/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
