<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Roger Behrens &#187; Krise</title>
	<atom:link href="http://www.rogerbehrens.net/schlagworte/krise/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://www.rogerbehrens.net</link>
	<description>Mein digitales Wohnzimmer</description>
	<lastBuildDate>Sat, 30 Jan 2010 19:02:36 +0000</lastBuildDate>
	<generator>http://wordpress.org/?v=2.9.1</generator>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
			<item>
		<title>Die pornografische Kulturindustrie</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/die-pornografische-kulturindustrie/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/die-pornografische-kulturindustrie/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 08 Jan 2009 11:51:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Texte]]></category>
		<category><![CDATA[Art into Life]]></category>
		<category><![CDATA[Dialektik]]></category>
		<category><![CDATA[Fortschritt und Zerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Kritische Theorie]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturindustrie]]></category>
		<category><![CDATA[Sexualität und Wahrheit]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=142</guid>
		<description><![CDATA[Die pornografische Kulturindustrie. Zur Ästhetisierung der gemischten Gefühle
Als PDF: <a href="http://txt.rogerbehrens.net/pornobehrens.pdf" target="_blank">hier</a>.]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die pornografische Kulturindustrie. Zur &Auml;sthetisierung der gemischten Gef&uuml;hle<br />
Als PDF: <a href="http://vg01.met.vgwort.de/na/6c37a9078239891afcafac6a6a4c65?l=http://txt.rogerbehrens.net/pornobehrens.pdf" target="_blank">hier</a>.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/die-pornografische-kulturindustrie/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die R&#252;ckkehr der Kulturindustriethese als Dancefloorversion</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/kulturindustriethese/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/kulturindustriethese/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2008 21:52:32 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Disco é Cultura]]></category>
		<category><![CDATA[Fortschritt und Zerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Kulturindustrie]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Pop]]></category>
		<category><![CDATA[Poplinke]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=135</guid>
		<description><![CDATA[Mit dem Wort »Pop« wird kaum etwas Prägnantes bezeichnet; oft entscheiden die Perspektiven, die Annäherungsweisen und unmittelbare Präjudikationen, was Pop ist: Ist Pop eine Abgrenzung von Rock? Ist Pop populäre Kunst und Kultur; oder Populär- und Massenkulturformen verwendende Kunst wie eben die Pop-art? Ist Pop primär die Musik, oder meint Pop immer das ganze Umfeld von Verhaltensweisen, Moden, Videoclips, oder ist Pop als Begriff gar tauglich, spezifische soziale und kulturelle Merkmale einer Epoche begrifflich zusammenzufassen? 
[<a href="http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/kulturindustriethese/">GANZER TEXT</a>]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zur Dialektik materialistischer Pop&#8209; und Subkulturkritik</strong></p>
<p><em>Ein Text von 1999</em></p>
<p>Vorabbemerkungen, Mi&szlig;verst&auml;ndnisse ebenso vermeidend wie provozierend</p>
<p>Um abzugrenzen, wovon zwischen Kulturindustrietheorie der 40er Jahre und dem Pop und Popdiskurs der 90er Jahre die Rede sein wird, sind einige Vorabbemerkungen den &Uuml;berlegungen voranzustellen. Sie betreffen vordefinitorische Verwendungsschwierigkeiten des Kulturindustriebegriffs, sie betreffen ferner den Pop, damit auch die Musik, und vor allem die Frage nach der Absicht, sich mit R&uuml;ckgriff auf die Sozialphilosophie der 40er Jahre mit Popkultur, Massenkultur im weitesten Sinne zu besch&auml;ftigen &mdash; als wenn es nicht dringlichere Aufgaben der kritischen Theorie g&auml;be.</p>
<p>Pop. &ndash; Mit dem Wort &raquo;Pop&laquo; wird kaum etwas Pr&auml;gnantes bezeichnet; oft entscheiden die Perspektiven, die Ann&auml;herungsweisen und unmittelbare Pr&auml;judikationen, was Pop ist: Ist Pop eine Abgrenzung von Rock? Ist Pop popul&auml;re Kunst und Kultur; oder Popul&auml;r&#8209; und Massenkulturformen verwendende Kunst wie eben die Pop-art? Ist Pop prim&auml;r die Musik, oder meint Pop immer das ganze Umfeld von Verhaltensweisen, Moden, Videoclips, oder ist Pop als Begriff gar tauglich, spezifische soziale und kulturelle Merkmale einer Epoche begrifflich zusammenzufassen? Jedenfalls rechtfertigen diejenigen, die sich explizit mit dem Pop besch&auml;ftigen, dies mit der Ausdehnungstendenz des Pop, da&szlig; eben die ganze Gesellschaft l&auml;ngerfristig Pop werde &mdash; ohne da&szlig; dann definiert w&auml;re, was denn nun Pop sei. Hier soll unter Pop zun&auml;chst die Musik verstanden werden, die sich in ihren Produktions&#8209; und Rezeptionsweisen nicht mehr in die Raster b&uuml;rgerlicher Kunstmusik so ohne weiteres bringen l&auml;&szlig;t. Pop korrespondiert je mit der Kulturindustrie, meint diese unter anderem Etikett; Pop ist immer schon Ware: eine Musik, die so sehr in der Krise ist wie die Gesellschaft, die sich in ihr ausdr&uuml;ckt. Die Differenzierungen zwischen Pop und Rock und andere vermeintlich stilistische Abgrenzungen lasse ich au&szlig;envor &mdash; Pop bezeichnet ein Gemeinsames der Musik von der Kelly Family bis Mouse On Mars, von Rammstein bis Squarepusher, von Elton John bis Einst&uuml;rzende Neubauten, von Radiohead bis Merzbow, von Atari Teenage Riot und Joe Zawinul, Gemeinsames von Sex Pistols, Steve Reich und Kristof Penderecki, heute auch Gemeinsames von Beethoven und Beatles. Es f&auml;llt auf, da&szlig; unter gewissen Vorzeichen &uuml;ber die Gesamtheit dieser Musik derselbe Diskurs gef&uuml;hrt werden kann &mdash; und das ist nun weniger der Sache an sich geschuldet, also dem Rest an &auml;sthetischer Autonomie bei Alfred Schnittke versus DJ-Culture beim Shanty Sound System oder H&ouml;rerfanatismus bei den Backstreet Boys, sondern hat mit den Produktions&#8209; und Rezeptionsverh&auml;ltnissen zu tun, die sich, wenn auch sehr unterschiedlich, durchaus im musikalischen Material niederschlagen; es hat zu tun mit dem, was also Kulturindustrie ausmacht.</p>
<p>Kulturindustrie. &ndash; Der Begriff Kulturindustrie wird dem gleichnamigen Kapitel aus der Dialektik der Aufkl&auml;rung (1947, bzw.&#160;1944) von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer zugeordnet. Gemeinhin ist anzunehmen, da&szlig; Adorno ma&szlig;geblich f&uuml;r das Kulturindustriekapitel verantwortlich zeichnet, weshalb es eigentlich sein Name und seine Philosophie ist, die mit dem Begriff verbunden wird. Horkheimer benutzt in sp&auml;teren Schriften den Begriff selten; Adorno sprach in einem Rundfunkvortrag 1963 sogar explizit ein &raquo;R&eacute;sum&eacute; &uuml;ber Kulturindustrie&laquo; aus (im Nachla&szlig; Adornos fand sich zudem ein Text namens &raquo;Das Schema der Massenkultur&laquo;, der als Fortsetzung des Kulturindustriekapitels der Dialektik der Aufkl&auml;rtung geplant war). Parallelisiert werden die Argumente, oder das, was von ihnen zum Bildungsgut geworden ist, in der Regel mit Walter Benjamins &raquo;Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit&laquo; von 1936.</p>
<p>Obgleich im Kulturindustriekapitel der Dialektik der Aufkl&auml;rung von Magazinen, Radio und dergleichen die Rede ist, konzentriert sich die Kritik haupts&auml;chlich auf die Musik. Nicht umsonst wollte Adorno seine Philosophie der neuen Musik als Exkurs zur Dialektik der Aufkl&auml;rung verstanden wissen. Vor allem spricht f&uuml;r einen engen Gegenstandsbezug der Kulturindustriethese zur Musik, da&szlig; mitnichten Adorno und Horkheimer diesen Begriff allein gebrauchten, sondern der Komponist Hanns Eisler ebenso. Adornos und Eislers Gemeinschaftsarbeit Komposition f&uuml;r den Film erscheint sogar als konkrete Auseinandersetzung mit der Kulturindustrie &mdash; neben Adornos Untersuchungen &uuml;ber das Radio (Radio Research Project).</p>
<p>Musik. &ndash; Sofern es nun um Musik zu tun ist, ergeben sich meist einige Probleme, die sich nicht in der Sch&auml;rfe ergeben, wenn man etwa &uuml;ber Waschmittel oder Astrologie spricht, auch wenn ja eine Zentralthese ist, da&szlig; eben die Kultur auf das Niveau von Waschmittel und Aberglaube reduziert wird. Wenige f&uuml;hlen sich pers&ouml;nlich angegriffen, wenn man ihnen ihre Waschmittelmarke streitig macht; anders sieht das beim Urteil &uuml;ber die Musik aus, die man bei Bekannten im Plattenregal entdeckt. Ich greife dies als Rezeptionsproblem des vermeintlich kritischen H&ouml;rers auf und m&ouml;chte vorausschicken, da&szlig; es weder um die Diffamierung eines subjektiv-emotionalen Bezugs zu irgendeiner Musik geht, noch um ein Verdikt, das &uuml;ber diese oder jene Musik verh&auml;ngt werden soll. Es geht gleichwohl gegen eine bestimmte, im Popdiskurs verbreitete Anma&szlig;ung, das theoretisch meist bodenlose und der Subjektivit&auml;t verpflichtete Geschacksurteil, oder die von der Industrie eingeforderte Produktwerbung als objektivistisches Urteil &uuml;ber eine Musik eventuell sogar als politisch hochbedeutsam beizubiegen, was in den meisten F&auml;llen musikalisch mir so problematisch scheint wie im &uuml;brigen auch politisch.</p>
<p>Konsumenten. &ndash; Es geht keineswegs darum, im Namen der Kulturindustriekritik und des Popdiskurses sich bescheidwissend &uuml;ber die Dummheit der Massenkonsumenten herzumachen, denen die neue Kuschel-Rock-CD angedreht wird, sondern um die Kritik, da&szlig; die geschm&auml;hte Masse sich zun&auml;chst in sozialen Verh&auml;ltnissen bewegt, die sich nur mit so einem Unfug wie Kuschel-Rock-CDs ertragen lassen. &raquo;Not und Druck&laquo; der Menschen, so l&auml;&szlig;t sich mit der Dialektik der Aufkl&auml;rung sagen, macht das Einklagen von &raquo;Ernst zum Hohn&laquo;; Menschen, &raquo;die froh sein m&uuml;ssen, wenn sie die Zeit, die sie nicht am Triebrad stehen, dazu benutzen k&ouml;nnen, sich treiben zu lassen.&laquo; Die Kuschel-Rock-CD ist das &raquo;gesellschaftlich schlechte Gewissen&laquo; von Musik, die dagegen als gehaltvoll gilt. Und Adorno und Eisler schreiben: &raquo;Im sp&auml;tindustriellen Zeitalter bleibt den Massen nichts als der Zwang, sich zu zerstreuen und zu erholen, als ein Teil der Notwendigkeit, die Arbeitskraft wiederherzustellen, die sie in dem entfremdeten Arbeitsproze&szlig; verausgabten.&laquo; &mdash; Falsch w&auml;re demnach auch die nostalgische Allianz mit dem Bildungsb&uuml;rgertum, mit dem dann etwa gegen den kulturindustriellen Schund die hohe Kunst verteidigt wird: &raquo;Die Reinheit der b&uuml;rgerlichen Kunst, die sich als Reich der Freiheit im Gegensatz zur materiellen Praxis hypostasierte, war von Anbeginn mit dem Ausschlu&szlig; der Unterklasse erkauft &hellip;&laquo; Die autonome Kunst von ehedem ist heute nicht minder in die Kulturindustrie integriert; &raquo;die Massenkultur [lebt] gerade vom Ausverkauf der individualistischen&laquo; Kultur des 19. Jahrhunderts. An verschiedenen Stellen hat Adorno darauf hingewiesen, wie sehr Musik und Musikrezeption, bzw.&#160;&#8211;konsum in der Kulturindustrie sich am Modell der Sp&auml;tromantik &mdash; Melodie, Einfall, Leitmotiv und dergleichen &mdash; orientiere.</p>
<p>Die Kritik der Kulturindustrie wird leicht als Massenfeindlichkeit fehlinterpretiert, in &Uuml;bersch&auml;tzung der eigenen Stellung, als w&auml;re Kultur im unmittelbaren Vollzug kritisierbar, als h&auml;tte eine bewu&szlig;t-affirmative Stellung zur Kulturindustrie einen qualitativen Vorteil den Betrogenen gegen&uuml;ber. In den Minima Moralia warnte Adorno vor diesem Mi&szlig;verst&auml;ndnis: &raquo;F&uuml;r den, der nicht mitmacht, besteht die Gefahr, da&szlig; er sich f&uuml;r besser h&auml;lt als die andern und seine Kritik der Gesellschaft mi&szlig;braucht als Ideologie f&uuml;r sein privates Interesse &hellip; Der Distanzierte bleibt so verstrickt wie der Betriebsame; vor diesem hat er nichts voraus als die Einsicht in seine Verstricktheit und das Gl&uuml;ck der winzigen Freiheit, die im Erkennen als solchem liegt.&laquo; Vor einer &Uuml;bersch&auml;tzung der Reichweite von Kulturkritik hat schlie&szlig;lich Horkheimer gewarnt: &raquo;Kulturkritik mu&szlig; sich h&uuml;ten, da&szlig; sie nicht selber durch Denunziation der Kultur als Ablenkung von Themen wegf&uuml;hrt, die dem Gedanken noch geblieben sind: von den krassen Unterschieden der Macht, die niemand wahrnimmt, weil sie offenkundig sind, vom Elend hinter den Mauern der Zucht&#8209; und Irrenh&auml;user, von radikal materiellen Bestimmungsgr&uuml;nden der Politik, gerade dort, wo sie besonders edel sich gibt.&laquo;</p>
<p>Was ist also der Zweck, sich mit der Kulturindustrie respektive Popkultur &uuml;berhaupt auseinanderzusetzen? Im Pop, so wird es von jenen verteidigt, die sich der sogenannten Poplinken zurechnen lassen, f&auml;nden sich Subversionspotentiale; Pop sei dialektisch beides, &raquo;Teil des Problems&laquo; wie &raquo;Medium der Befreiung&laquo;, wie es Christoph Gurk sagt. Derart steht die Poplinke stets gegen eine Evidenz der Kulturindustriethese in ihrer Konsequenz, wenngleich mit dem Thesengrobbau durchaus sympathisiert wird; sie steht dem entgegen, weil hier sich eine Interpretation des Kapitels &uuml;ber die Kulturindustrie in der Dialektik der Aufkl&auml;rung durchgesetzt hat, die diesen Text weitgehend isoliert liest und Konsequenzen derart deutet, als b&ouml;te die kulturindustriell verwaltete Welt keinen Ausweg. Der Gedanke der Emanzipation, und insofern ist Gurks Formulierung vom &raquo;Pop als Medium&laquo; &mdash; also Vermittelndem &mdash; &raquo;der Befreiung&laquo; aufzugreifen, ist f&uuml;r die kritische Theorie aus gutem Grund ma&szlig;geblich in der Kunst aufbewahrt, n&auml;mlich in ihrer F&auml;higkeit, die Utopie einer freien Gesellschaft vorscheinen zu lassen, ohne sich blind mit der Befreiung zu identifizieren. Zwar ist von der Poplinken viel von Subversion, Unvereinnahmbarkeit, Widerst&auml;ndigem, &Uuml;beraffirmation und dergleichen zu lesen, doch fehlen erstaunlicherweise stets die Kategorien, die f&uuml;r den Kunstbegriff der kritischen Theorie so wichtig sind: Gl&uuml;ck, Utopie, Freiheit und so weiter.</p>
<p>Kulturindustriekritik w&auml;re ebenso wie ihre Aktualit&auml;t im Spiegel der Popkultur, mit einer modifizierten Lesart der Kulturindustrietheorie zu begr&uuml;nden. Vor allem Komposition f&uuml;r den Film spricht daf&uuml;r, da&szlig; mit dem Kulturindustriebegriff keine monolithische Theorie sozialer Aporie und Hermetik gedeckt werden sollte. Vielmehr finden sich Hinweise auf die Annahme einer gewissen Dynamik der Kulturindustrie &mdash; es sollten &raquo;auch die positiven Aspekte der Massenkultur zur Sprache kommen,&laquo; hie&szlig; es 1944. Der Abschnitt &uuml;ber Kulturindustrie ist &raquo;mehr noch als die anderen &hellip; fragmentarisch.&laquo;</p>
<p>Kulturindustrie &mdash; Anmerkungen zum Begriff und zur Rezeptionsgeschichte</p>
<p>Die theoretisch-philosophischen Grundlagen der kritischen Theorie, wie sie von Max Horkheimer im Forschungszusammenhang des (Frankfurter) Instituts f&uuml;r Sozialforschung projektiert wurden, decken sich mit dem Konstruktionsaufbau der Kulturindustrietheorie. Ausgangspunkt war &mdash; als Basisger&uuml;st &mdash; die Kritik der politischen &Ouml;konomie von Marx; sie sollte erweitert werden um Elemente der Kantischen Erkenntnistheorie, um eine materialistisch gedeutete Hegelsche Geschichtsphilosophie und um die Psychoanalyse Freunds. Die Erweiterung der Marxschen kritischen Theorie schien notwendig aufgrund der Diagnose, da&szlig; im Basis&#8209;&Uuml;berbau-Zusammenhang der &Uuml;berbau, also das Reich der Kultur, sofern es nicht sowieso schon &ouml;konomisch durchsetzt war, zunehmend eine gewisse Eigendynamik und Gewalt gegen&uuml;ber der Basis zeigte, gleichwohl &mdash; und das ist ja auch die Eingangsthese von Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz &mdash; &raquo;die Umw&auml;lzung des &Uuml;berbaus &hellip; langsamer als die des Unterbaus vor sich geht&laquo;.</p>
<p>Die Theorie der Kulturindustrie umfa&szlig;t technologisch-technische, sozialpsychologische, &auml;sthetische und &ouml;konomisch-ideologische Aspekte. Sie sind keineswegs zu vereinseitigen und meinen f&uuml;r sich noch nicht die Erkl&auml;rung des Gesamtzusammenhangs; viel mehr bildet eine auf herausgenommene Momente beschr&auml;nkte Erkl&auml;rung des Ph&auml;nomens die Kulturindustrie blo&szlig; affirmativ ab.</p>
<p>Technologisches-Technisches. &ndash; Gegen Vereinseitigung der technischen Aspekte hei&szlig;t es etwa, da&szlig; von den &raquo;Interessenten&laquo; die Kulturindustrie deshalb technologisch gerechtfertigt wird, weil in den technischen Notwendigkeiten der Massenbelieferung der Menschen mit Kultur scheinbar ein demokratische Potential neuerer technologischer Verfahren steckt. Was damals bejahend und verteidigend &uuml;ber Radio und Film gesagt wurde, vergleiche man einmal mit dem, wie heute bis weit in die selbst fortschritts-sensibilisierte Linke herein neueste Computertechniken &mdash; das Internet &mdash; mit einer quasi selbstm&auml;chtigen Ideologie der Informationszug&auml;nglichkeit gepriesen werden. Auch in der Beurteilung der Popmusik &mdash; sei es einzelner Exponate, sei es Tendenzen, die ganze Richtungen markieren sollen &mdash; wird auf Hervorhebung technologischer Eigenarten zur&uuml;ckgegriffen: Sampling, DJ-Culture, Verfahren, die auch einem musikalischen Laienpublikum Zugang zur kulturellen Produktion erm&ouml;glichen sollen.</p>
<p>Allein vom technischen Stand der Gesellschaft ist noch nichts &uuml;ber ihren Strukturzusammenhang ableitbar. Nicht darf verheimlicht werden, wer &uuml;ber die Technologie verf&uuml;gt und in wessen Dienst sie genommen ist. Relevant ist der Doppelaspekt des Technischen: Technik bezeichnet &mdash; so Adorno &mdash; in der Kunst innere Formgesetze, und sofern nicht etwa &auml;sthetische Verfahren gemeint sind (Zw&ouml;lftontechnik), sondern tats&auml;chlich technologische Neuerungen (Reproduktionsverfahren), begr&uuml;ndet sich deren Einsatz k&uuml;nstlerisch gleichsam aus der Sache heraus &mdash; und das hei&szlig;t immer, wie es Eisler und Adorno f&uuml;r die Filmmusik hervorheben: da&szlig; von einem Problem ausgegangen werden mu&szlig;, das &auml;sthetisch gel&ouml;st werden soll.</p>
<p>Sozialpsychologisches. &ndash; Die Musik der Kulturindustrie ist heute technisch &uuml;ber Videos, CDs, Computersampling vermittelt; solche Technik wird kaum noch in Frage gestellt; defensiv beurteilt man die Resultate und schiebt die Beurteilung solange hin und her, bis sie sich mit dem getroffenen Emotionen decken, mit dem Gef&uuml;hl, auf das sich in letzter Instanz gerne berufen wird, da&szlig; und weshalb &rsaquo;&uuml;ber Musik sowieso nicht geredet werden k&ouml;nne&lsaquo;. Massenkultur sei, so sagte einmal Leo L&ouml;wenthal, Psychoanalyse verkehrt herum. Die Frage, wie in der Massenkultur Bed&uuml;rfnis, Gef&uuml;hl und Befriedigung gel&ouml;st werden, hat den Begriff der Kulturindustrie gegen andere Varianten zur Bezeichnung derselben Sache begr&uuml;ndet: gegen L&ouml;wenthal &mdash; der eben von Massenkultur sprach (sich auf die b&uuml;rgerliche Literaturgeschichte beziehend) &mdash; wollte Adorno Deutungen ausschlie&szlig;en, &raquo;da&szlig; es sich um etwas wie spontan aus den Massen selbst aufsteigende Kultur handele, um die gegenw&auml;rtige Gestalt von Volkskunst.&laquo; Auch &raquo;Traumfabrik&laquo;, wovon etwa Ernst Bloch sprach, fa&szlig;t das Ph&auml;nomen nicht pr&auml;zise: &raquo;Die Vorstellung popul&auml;rer Sozialpsychologen, der Film sei eine Traumfabrik und das happy end eine Wunscherf&uuml;llung, greift zu kurz. Das Ladenm&auml;dchen identifiziert sich nicht unmittelbar mit dem als Privatsekret&auml;rin kost&uuml;mierten glamour girl, das den Chef heiratet. Aber im Angesicht jenes Gl&uuml;cks, von seiner M&ouml;glichkeit &uuml;berw&auml;ltigt, wagt es sich einzugestehen, was einzugestehen sonst die gesamte Einrichtung des Lebens verwehrt: da&szlig; es am Gl&uuml;ck keinen Teil hat,&laquo; schreibt Adorno in seinen &raquo;Musikalischen Warenanalysen&laquo;. Die Kulturindustrie reduziert die Reaktionsweisen der Menschen auf Reizschemen, auf Stereotypen und Klischees: &raquo;Auf den Trick, einmal ziehe ein jeder das gro&szlig;e Los, fallen l&auml;ngst die D&uuml;mmsten nicht mehr herein. In der tempor&auml;ren Freigabe der Ahnung, da&szlig; man sein Leben vers&auml;umte, besteht das Recht des Kitsches. Es erweist sich vorab an der Musik. Die meisten h&ouml;ren emotional: alles in Kategorien der Sp&auml;tromantik und der von dieser derivierten Waren, die schon aufs emotionale H&ouml;ren zugeschnitten sind.&laquo; Gleichwohl haben Eisler und Adorno einige Analysen darauf verwandt, die psychologischen Muster von Filmmusik im positiven oder sachlichen Sinne herauszuarbeiten: wie etwa das Sehen vom H&ouml;ren psychologisch und ph&auml;nomenologisch zu unterscheiden w&auml;re und sich Filmmusik &uuml;berhaupt begr&uuml;ndet, war eine Frage. Der Schock, da&szlig; das Leben vers&auml;umt wurde, bricht sich emotional stets mit der Beruhigung, da&szlig; trotz Vers&auml;umnis alles seinen rechten Gang nimmt. &raquo;Die Ersatzbefriedigung, die die Kulturindustrie den Massen bereitet, indem sie das Wohlgef&uuml;hl erweckt, die Welt sei in eben der Ordnung, die sie ihnen suggerieren will, betr&uuml;gt sie um das Gl&uuml;ck, das sie ihnen vorschwindelt.&laquo;</p>
<p>&Auml;sthetisches. &ndash; Wenn im Popdiskurs hedonistische Absichten verteidigt werden, so geschieht dies mit einem merkw&uuml;rdigen Spagat, das emotional-subjektivistische Urteil als &auml;sthetisch-objektivistisches Urteil zu verkl&auml;ren, gleichzeitig jedoch den Gegenstand der Beurteilung von einer &auml;sthetischen Kritik freizumachen, als ob jede Deutung des Pop als Kunst schon verfehlt w&auml;re. Wenn selbst in der Poplinken sich um die Frage der Kunst in der Popkultur merkw&uuml;rdig herumgedr&uuml;ckt wird, hei&szlig;t das freilich nicht, da&szlig; sich deren Interessen schon vollends mit denen der Kulturindustrie decken. Es fehlt, wenn man so will, eine linke Kulturpolitik, die nicht blo&szlig; auf die vorgefertigten kulturellen Produkte reagiert, sondern selbst Forderungen &uuml;ber den Charakter der Kunst formuliert.</p>
<p>Die Frage ist nicht, wie &auml;sthetische Kategorien auf die Produkte der Kulturindustrie abgebildet werden k&ouml;nnen, sondern wie sie selbst sich im kulturindustriellen Einflu&szlig; wandeln, ver&auml;ndert oder vernichtet werden. Das betrifft prim&auml;r allerdings solche Kategorien, die eben schon die Funktion der Kultur und Zugangsweisen zu ihr grunds&auml;tzlich erm&ouml;glichen: Bei der Frage nach Genu&szlig; und Unterhaltung stehen die Begriffe selbst zur Diskussion: &raquo;Das Recht auf Unterhaltung zu bestreiten und eine widerwillige Bev&ouml;lkerung mit Kultur vollzustopfen, w&auml;re schulmeisterliche Anma&szlig;ung. Dennoch tut Unterhaltung objektiv denen Unrecht, denen sie widerf&auml;hrt und die subjektiv danach begehren &hellip; Den in Waren verwandelten Kulturg&uuml;tern wird das Leben ausgetrieben.&laquo;</p>
<p>&Ouml;konomie und Ideologie. &ndash; Wenn die Kulturindustriethese &uuml;berhaupt an irgend etwas verbindlich festgemacht werden kann, dann an dem Satz, da&szlig; alle Kultur zur Ware wird. Das klingt nach einem Gemeinplatz und wird auch bisweilen so verhandelt, gleichwohl ist dieses nicht kulturpessimistisch als Verdammung von Kommerz und Ausverkauf der Kultur mi&szlig;zuverstehen. Insofern ist fraglich, ob eine Aktualisierung der Kulturindustriethese greift, wie sie Christoph Gurk im Mainstream der Minderheiten vorgenommen hat, die ma&szlig;geblich auf den gro&szlig;&ouml;konomischen Rahmen von Majorlabel-Zusammenschl&uuml;ssen und Verkaufsstatistiken zugeschnitten ist.</p>
<p>Die &Ouml;konomiekritik in der Dialektik der Aufkl&auml;rung ist heikel. Adorno und Horkheimer &mdash; im &uuml;brigen auch Eisler &mdash; gehen vom Monopolkapitalismus aus, begreifen also die Kulturindustrie als zentral von wenigen &ouml;konomisch M&auml;chtigen gesteuert. Rolf Johannes hat darauf hingewiesen, inwiefern damit das ganze Gesellschaftsbild Adornos und Horkheimers in die Schr&auml;glage ger&auml;t. Die Deutung der Gesellschaft als monopolkapitalistisch ist allerdings problematischerweise dem Begriff von der Kulturindustrie immanent. In der Tat verh&auml;lt es sich hier widerspr&uuml;chlich: sowohl sind Kapitalkonzentrationen zu verzeichnen; gleichzeitig setzt sich eine Kulturindustrialisierung strukturell sich &uuml;ber die K&ouml;pfe der Menschen hinweg durch. Die Konsumenten arbeiten an ihrem eigenen Betrug mit, wollen ihn und verdammen ihn zugleich. Die Kulturindustrie l&auml;&szlig;t diese Doppellogik zu.</p>
<p>Der &ouml;konomiekritische Kern in der Kulturindustriethese betrifft allerdings auch nicht das Aufz&auml;hlen und Markieren von Firmen&#8209; und Konzernverflechtung, betrifft nicht die Rolle einzelner. &Ouml;konomiekritik ist hier nur mit Ideologiekritik zusammenzudenken. Da&szlig; alle Kultur zur Ware wird, meint nicht prim&auml;r ihre &ouml;konomische Distribution, als wenn ein geschenkter Beethoven besser w&auml;re als ein gekaufter, sondern das, was als Fetischcharakter der Ware sich manifestiert. &raquo;Kultur ist eine paradoxe Ware. Sie steht so v&ouml;llig unterm Tauschgesetz, da&szlig; sie nicht mehr getauscht wird; sie geht so blind im Gebrauch auf, da&szlig; man sie nicht mehr gebrauchen kann. Daher verschmilzt sie mit der Reklame. Je sinnloser diese unterm Monopol scheint, um so allm&auml;chtiger wird sie. Die Motive sind &ouml;konomisch genug. Zu gewi&szlig; k&ouml;nnte man ohne die ganze Kulturindustrie leben, zu viel &Uuml;bers&auml;ttigung und Apathie mu&szlig; sie unter den Konsumenten erzeugen. aus sich selbst vermag sie wenig dagegen. Reklame ist ihr Lebenselexier.&laquo; &mdash; &Uuml;berhaupt m&uuml;ndet die ganze Kulturindustrie in Reklame: Popkultur ist der Zwischenschritt von der Kulturindustrie zur Reklame. In der Popkultur wird es schlie&szlig;lich m&ouml;glich, radikal zu kritisieren und genau damit noch Werbung f&uuml;r die Welt zu machen, gegen die vorgegangen werden soll.</p>
<p>&raquo;Die fr&uuml;hen Sachen, wo sie noch nicht beim Majorlabel waren, sind eh viel besser.&laquo;</p>
<p>Mit der Etablierung einer Rock&#8209; und Popkultur, die zunehmend auch f&uuml;r Akademiker den Sozialisationshintergrund bildete, versuchte man sich an &auml;sthetischen Rezeptionen der Kulturindustrietheorie, um sie zu widerlegen. Adorno ahnte selbst: &raquo;Wer so durchaus unter Bedingungen der Kulturindustrie aufgewachsen ist, da&szlig; sie ihm zur zweiten Natur wurde, ist zun&auml;chst f&auml;hig und gewillt, Einsichten mit zu vollziehen, die ihrer Sozialstruktur und Funktion gelten. Reflexartig wird er derlei Einsichten abwehren, mit Vorliebe unter Berufung eben auf die szientifische Spielregel allgemeiner Nachvollziehbarkeit. Drei&szlig;ig Jahre hat es gedauert, bis die kritische Theorie der Kulturindustrie durchdrang; zahlreiche Instanzen und Agenturen versuchen heute, sie zu ersticken, weil sie dem Gesch&auml;ft schadet.&laquo;</p>
<p>Vor allem &uuml;ber den Kunstdiskurs, der sich in den achtziger Jahren entwickelte, wurden mit der Popkultur gegen die Kulturindustrietheorie &auml;sthetische Strategien aktualisiert: der Pop erschien zum Teil unter dem Namen der k&uuml;nstlerischen Avantgarde. Punk wurde als historisch anschlu&szlig;f&auml;hig an Dada, Surrealismus und die Situationisten interpretiert. Und Punk wurde als Teil der Popkultur erkannt, nicht als ihre Gegenbewegung.</p>
<p>W&auml;hrend im Zuge der postmodernen &Auml;sthetikrezeption, die auch eine Verflachung kritischer Sozialphilosophie darstellt, im universit&auml;ren Bereich die Kulturindustrietheorie weitgehend ins Hintertreffen geriet, wird sie im halbakademischen Popdiskursbereich erneut diskutiert, und zwar nicht selten als Vorl&auml;ufer von poststrukturalistischen Ans&auml;tzen.</p>
<p>Das, was f&uuml;r die kritische Theorie damals noch ein gro&szlig;es Problem war, die Distanzlosigkeit zur Kulturindustrie, ist heute Programm: wer nicht in der Popkultur mitmacht, darf nicht mitreden. Zum Hauptproblem wird allerdings, l&auml;ngerfristig subkulturell innerhalb der Popkultur einen politischen Anspruch zu verankern, der einerseits unmittelbar mit den kulturindustriellen Produkten selbst zu tun hat, andererseits sich aber auf den &auml;u&szlig;eren &ouml;konomischen Rahmen schon l&auml;ngst verpflichtet hat. Wenn in einschl&auml;gigen Magazinen Monat f&uuml;r Monat bestimmte Tontr&auml;ger als Meilensteine der Popgeschichte deklariert werden, um im n&auml;chsten Monat schon vergessen zu sein, ist es jedenfalls sehr merkw&uuml;rdig. Obwohl werk&auml;sthetische Deutungen abgelehnt werden, wird weiterhin &mdash; vor allem im Bereich der Tanzmusik &mdash; selbst der Musik Ewigkeitswert bescheinigt, die bisweilen nicht einmal Musik zu sein beansprucht; diese Aufwertungsstrategie funktioniert blo&szlig; informativ, solange der eigentliche Inhalt solcher Urteil nicht sachlich ist.</p>
<p>Interessant ist die Tendenz, da&szlig; &mdash; nachdem erkannt wurde, da&szlig; es zum Mainstream in der Popkultur kein Au&szlig;en gibt &mdash; nun musikalisch eine Art Hypermainstream verteidigt wird, eine &raquo;&Uuml;beraffirmation&laquo; (Diedrich Diederichsen), basierend auf stereotype Minimalismen und Effekte (Portishead, Mouse On Mars, Rockers HiFi etc.) oder auf Koketterie mit &rsaquo;popistischen&lsaquo; Glamour (Madonna, Pet Shop Boys bis Stereo Total oder Wirlpool Productions, auch die neue Blumfeld).</p>
<p>Schwierig ist es, in einem solchen Rezeptionsklima den Gehalt der Kulturindustriethese wiederzuerkennen: wo einmal die Theorie zur &Auml;sthetik gemodelt wurde, von der man gleichzeitig theoretisch nicht soviel wissen m&ouml;chte, ger&auml;t die Kritik der Warenlogik, nach der Kultur heute funktioniert, in den Hintergrund &mdash; und reproduziert damit selbst ein Moment des Fetischismus, die Verh&auml;ltnisse als naturgegeben anzuerkennen. Kulturindustriekritik verk&uuml;rzt sich auf das unmittelbare Erlebnis, sie kehrt als Dancefloorversion wieder, als Remix einer neuen Innnerlichkeit, die sich ohnm&auml;chtig der Gesellschaft gegen&uuml;bersieht.</p>
<p>N&ouml;tig w&auml;re es, gegen&uuml;ber der Kultur insgesamt eine offensive Position zur&uuml;ckzugewinnen. Andererseits macht es kaum Sinn, der Krise der Gesellschaft kulturell auszuweichen &mdash; so emotional man sich auch immer einzelner Popmusik verbunden f&uuml;hlen mag: sie bleibt selbst Ausdruck von der Krise b&uuml;rgerlicher Musik, von der Krise der b&uuml;rgerlichen Gesellschaft &uuml;berhaupt. Deswegen ist die Frage verfehlt, am Technischen etwa festgemacht, wo Fortschritt in der Popmusik ist; vielmehr h&auml;tte eine kritische Theorie der Popmusik die regressiven Tendenzen freizulegen, samt ihren Spannungen. Das w&auml;re dann auch eine neue Sachlichkeit der Kulturkritik, wie auch Subkulturkritik.</p>
<p><em>Der Text basiert auf einem Vortrag, gehalten am 10. Oktober 1997 im Kulturhaus in Berlin, im Rahmen einer Veranstaltungsreihe der »jour fixe initiative (b)«.</em><br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/5b5eab500a409d1888bd433827aa93" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/kulturindustriethese/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>1</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Pop-Art D&#233;co &#8212; Die dekorierte Jugend. Oder: Dornr&#246;schen und das Ornament der Verweigerung</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/pop-art-deco/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/pop-art-deco/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2008 21:39:14 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Art into Life]]></category>
		<category><![CDATA[Disco é Cultura]]></category>
		<category><![CDATA[Fortschritt und Zerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Poplinke]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=134</guid>
		<description><![CDATA[Das Märchen von der Jugend, oder die Jugend als Märchen; zwei Frauen in Verniedlichungsform: Dornröschen, Schneewittchen. Frage nach dem Alter nach einhundert Jahren Schlaf. - Text von 1998.
[<a href="http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/pop-art-deco">GANZER TEXT</a>]
]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><em>Wo bist du, Jugendliches! das immer mich<br />
Zur Stunde weckt des Morgens, wo bist du, Licht?</em><br />
Friedrich H&ouml;lderlin</p>
<p><em>H&ouml;rt mal alle her,<br />
Die Zukunft ist das neue Ding.<br />
Die Kinder bringen den M&uuml;ll raus.</em><br />
Knarf Rell&ouml;m</p>
<p><em>Ich m&ouml;chte Teil einer Jugendbewegung sein,<br />
Ich m&ouml;chte mich auf euch verlassen k&ouml;nnen.</em><br />
Dirk von Lowtzow</p>
<p>Das M&auml;rchen von der Jugend, oder die Jugend als M&auml;rchen; zwei Frauen in Verniedlichungsform: Dornr&ouml;schen, Schneewittchen. Frage nach dem Alter nach einhundert Jahren Schlaf.</p>
<p>M&auml;rchen werden von Unten nach Oben erz&auml;hlt, sie nehmen Partei f&uuml;r die Unterdr&uuml;ckten und stellen in phantasmagorischer Form Strategien der Befreiung vor. M&auml;rchen erz&auml;hlen die Geschichte einer Emanzipation aus der Perspektive des Kollektivs, aber sie erz&auml;hlen keine Universalgeschichte, sondern stellen exemplarisch ein phantastisches Individuum vor, ja: M&auml;rchen, so wie sie in der Neuzeit &uuml;berliefert wurden durch die Gebr&uuml;der Grimm, durch Bechstein, Andersen und andere, begr&uuml;nden fast immer den Konflikt der Individuation in einer sich entwickelnden Gesellschaft der schonungslosen Konkurrenz. Die Psychologie der M&auml;rchen kennt kaum die moderne Seele des Menschen, die gepr&auml;gt ist von Zerrissenheit, Entfremdung, von Kampf um Anerkennung, Leistungsdruck und Ohnmacht &mdash; gleichwohl haben M&auml;rchen, selbst wo sie die Reise ins Fabelland beginnen und in Traumwelten entr&uuml;ckt sind, die unwiderruflich vergangener Zeit angeh&ouml;ren, ihren heimlichen Ort in der Gegenwart, die sie zu &uuml;berwinden suchen mit den Verm&ouml;gen von Liebe und Solidarit&auml;t. Ein solches M&auml;rchen ist auch die Jugend.</p>
<p>M&auml;rchen sind Ungleichzeitigkeiten; sie kennen &mdash; wie der Traum &mdash; keine wirkliche Geschichte, keinen Fortschritt, und die Logik ihres Verlaufs liegt in der &Uuml;berzeugungskraft von Strategien, auf das Unerwartete vorbereitet zu sein; das Unerwartete selbst bricht notwendig unerwartet ein, wie der sprechende Wolf, der sich im Wald versteckt, wie das Dach des Hexenhauses aus Geb&auml;ck. Die Kunst der List erfordert nicht der Wolf, die Hexe, sondern ihre surrealen Verwandlungen. &mdash; Ungleichzeitigkeiten: auf dem Raumschiff Enterprise finden sich einige technische Raffinessen, mit denen sich Freunde dieser Science Fiction gerne besch&auml;ftigen: Wie ist das sogenannte Beamen m&ouml;glich?, wieso konnte das alte Raumschiff Enterprise in der Geschwindigkeit Warp 10 fliegen, die n&auml;chste Generation aber nur in Warp 9 H&ouml;chstgeschwindigkeit?, wie funktioniert das Holodeck? und so weiter. Interessanterweise wird die M&ouml;glichkeit dieser Technik von den Fans eher in Frage gestellt als zum Beispiel die soziale Funktion einer Prinzessin in der Filmtrilogie &rsaquo;Star Wars&lsaquo;. Die Technik wird &uuml;berwunden, eingesetzt, vernichtet, verbessert, ver&auml;ndert &mdash; niemand k&auml;me auf die Idee, selbst in den Zukunftswelten kommender Jahrtausende eine Prinzessin auszuschalten, oder sie schlichtweg zu ignorieren. Die Jugend ist als ein solches M&auml;rchen von einer Prinzessin beschreibbar. Der Philosoph Walter Benjamin hat die Jugend als Dornr&ouml;schen vorgestellt. Die Jugend: eine Frau, m&auml;rchenhaft und verniedlicht (und damit vers&auml;chlicht: das Dornr&ouml;schen).</p>
<p>Das M&auml;rchen vom Dornr&ouml;schen geht so: Eine Prinzessin verletzt sich an einer Spindel (ein Werkzeug, das nicht nur vorindustrielle Produktionsformen repr&auml;sentiert, sondern zugleich einen weiblichen Produktionsinhalt: das Auf-und-Nieder der Spindel, die urspr&uuml;nglich im Scho&szlig; gehalten wird, das Geschichten-Spinnen w&auml;hrend der Arbeit, die damit &mdash; im Gegensatz zur kapitalistischen, disziplinierten Lohnarbeit &mdash; unproduktiv wird. Dornr&ouml;schen hat versucht, sich diese Produktionsweise zur&uuml;ckzuerobern: die Spindel war schon auf dem Dachboden der Weltgeschichte verstaut worden, dem Turm des Schlosses; Industrialisierung hat sie verdr&auml;ngt). In dem Moment, wo sich die Prinzessin verletzt und blutet, f&auml;llt, nach der Voraussage, das ganze Schlo&szlig; in einen langen Schlaf und alle Menschen im Schlo&szlig; verharren in ihren Positionen, erstarren. Eine Dornenhecke umwuchert das Schlo&szlig; und macht es undurchdringbar f&uuml;r m&ouml;gliche Befreier, bis es nach einhundert Jahren ein junger Prinz schafft, die Schlo&szlig;hecke zu durchdringen und Dornr&ouml;schen zu erwecken: mit dem Ku&szlig; des Prinzen, kraft der Liebe, erwacht nicht nur Dornr&ouml;schen, sondern die gesamte Schlo&szlig;gesellschaft &mdash; &uuml;brigens ohne die alten sozialen Hierarchien zu &uuml;berwinden: der Koch, der vor dem Schlaf dem K&uuml;chenjungen gerade eine Ohrfeige geben wollte und mit ausgeholter Hand einschlief, f&uuml;hrt im Moment des Erwachens seinen Schlag gegen den Untergebenen zu Ende.</p>
<p>Von Walter Benjamin sind einige fr&uuml;he Arbeiten zur Bildungstheorie erhalten, so ein Aufsatz von 1911, der Zeit, wo der junge Benjamin noch mit den Ideen des Schulreformers Gustav Wynecken sympathisierte; dieser Aufsatz ist betitelt mit &rsaquo;Das Dornr&ouml;schen&lsaquo; und beginnt mit den S&auml;tzen: &raquo;Wir leben im Zeitalter des Sozialismus, der Frauenbewegung, des Verkehrs, des Individualismus. Gehen wir nicht dem Zeitalter der Jugend entgegen? &hellip; Die Jugend aber ist das Dornr&ouml;schen, das schl&auml;ft und den Prinzen nicht ahnt, der naht, es zu befreien.&laquo; Benjamin hatte damit einen programmatischen Artikel in der Jugendzeitschrift &rsaquo;Der Anfang&lsaquo; eingeleitet; Aufbruchsstimmung kennzeichnet das Grundgef&uuml;hl damaliger Jugend &mdash; die Zeitschrift sollte zun&auml;chst im Untertitel &raquo;Zeitschrift f&uuml;r kommende Kunst und Literatur&laquo; genannt werden. Die Idee einer Jugendzeitschrift als Publikation, die ihre Aufmerksamkeit zugleich auf Fragen der Kultur, der Jugendkultur oder jugendlichen, jungen Kultur lenkt, stand damals ganz im Zeichen der Zeit: es war Jugend und Anfangszeit, aber im Spiegel der untergehenden, in die Katastrophe f&uuml;hrenden Zivilisationsentwicklung des 19. Jahrhunderts; merkw&uuml;rdig wird die jugendliche Konzentration auf Kunst und Literatur kontrastiert von den Grausamkeiten des Imperialismus, der Kolonien und Fabriken, des Urbanismus mit all seinen Widerspr&uuml;chen, die die kapitalistische Produktionsweise kennzeichnet. Die Zeitschriften, zumal als solche der jungen Menschen, waren seinerzeit nicht blo&szlig; Information, sondern selbst schon Teil der sich etablierenden Jugendkultur, waren kleine Kunstwerke. Sie zeigten nicht nur die neue Kunst, sondern machten sie; die Jugend gab sich ihr eigenes Schriftbild in Stil und Typografie; und die &Uuml;bertreibung des Pluralis &mdash; &rsaquo;Wir&lsaquo;, &rsaquo;die&lsaquo; Jugend, w&auml;hrend die meisten der jungen Menschen gr&ouml;&szlig;tenteils in den Manufakturen ihre Zeit vers&auml;umten &mdash;, also das Ausblenden des Sozialen, geh&ouml;rte damals schon dazu. Je mehr die Jugend &uuml;ber sich und ihre Kultur reflektierte, je mehr die Jugend beanspruchte, die Gesellschaft zu bilden, gar die Gesellschaft zu sein, um so weniger hatte sie mit der Gesellschaft zu tun, um so mehr verfehlte sie das Ideal, &uuml;ber alle Klassengrenzen hinweg eine Jugend zu vereinen und &rsaquo;die&lsaquo; Jugend zu sein. Wird gegenw&auml;rtig nach der Jugend gefragt, nach dem Verh&auml;ltnis von Jugend und dem, was sehr leichtfertig, aber damit auch schon sehr jugendlich, &rsaquo;Politik&lsaquo; genannt wird, wird versucht zu erfassen, was heute die Jugend als ihre Kultur proklamiert &mdash; und der Zeitgeist nennt dies Popkultur &mdash;, dann zeitigt die Inszenierung von Jugendkultur samt ihren Publikationen um die Jahrhundertwende eine unterirdische geschichtliche Spur, das unbewu&szlig;te Ged&auml;chtnis zeitgen&ouml;ssischer Repr&auml;sentanz und Pr&auml;senz von Jugend. Was damals zum Beispiel &rsaquo;Der Anfang&lsaquo; hie&szlig;, ist heute &rsaquo;Spex. Das Magazin f&uuml;r Popkultur&lsaquo;; Kunstzeitschriften der Jugend von einst wie &rsaquo;Jugend&lsaquo;, &rsaquo;Pan&lsaquo; oder &rsaquo;Die Insel&lsaquo; nennen sich nun &rsaquo;Texte zur Kunst&lsaquo; oder &rsaquo;Springerin&lsaquo;.</p>
<p>Exkurs &#8544;:<br />
Eine Philosophie, die nicht die M&ouml;glichkeit<br />
der Weissagung aus dem Kaffeesatz einbezieht<br />
und explizieren kann, kann keine wahre<br />
sein. Walter Benjamin</p>
<p>Mode/Methode/Ausdruckszusammenhang. &mdash; Kindheit hat Geschichte, das Alter hat Geschichte, die Jugend aber hat die Mode. Die Tradition, die sie kennt, ist oft nur der Abhub der gerade vergangenen Generation, der Konflikt mit dem Erwachsenwerden; sofern Jugendliche sich bewu&szlig;t mit ihrem Stil, ihrer Kultur auseinandersetzen, bedienen sie sich in einem kulturhistorischen Raum, der keine f&uuml;nfzig Jahre alt ist, gerade so alt wie die Eltern, gerade so alt, wie man selbst nie werden will (&raquo;I hope &#8544; die before &#8544; get old&laquo; sangen The Who zu Beginn der siebziger Jahre in &rsaquo;My Generation&lsaquo;). Die Mode der Jugend kennt Schlaghosen, sie tragen Hornbrillen wie die 68er, sie h&ouml;ren die Musik der vergangenen drei Jahrzehnte; wer sophisticated ist, h&ouml;rt den Jazz der f&uuml;nfziger Jahre, tr&auml;gt dazu Rollkragen und einen Second-hand-Anzug; und l&auml;ngst sterben die &auml;ltesten Jugendkulturen aus, gelten als obsolet oder verzerren sich regressiv: Skinheads, Rude Boys oder Teds &mdash; sie gibt es fast nur noch als besch&auml;mende Karikatur von jugendlicher Verweigerung. Die Mode als Code des geschichtlichen Als-ob der Jugend funktioniert, um die kulturelle Herkunft, das L&auml;ngstgewesene, die lebensstilistische Wiederholung &mdash; letztlich: die Eltern &mdash; zu verleugnen. Dabei ersetzt die Mode die Geschichte nicht und ist mit ihr auch nicht synonym; vielmehr &uuml;berlagert die Mode die Geschichte und in jedem Augenblick der Wiederkehr von Moden, sei&rsquo;s ein R&uuml;ckgriff auf die sechziger, siebziger oder achtziger Jahre, ist weit mehr an kulturellem Erbe eingelagert als nur der komprimierte Stoff einiger Dekaden: die Mode, die sich als ewige Wiederkehr des Neuen gibt &mdash; des seit f&uuml;nfzig Jahren bekannten, aber neu kombinierten Neuen &mdash;, ist in ihrem verborgenen Grund eine Geschichte von Lebenskultur, die ihren Gehalt sp&auml;testens im 19. Jahrhundert ausgeformt hat. Das hat Konsequenzen insbesondere f&uuml;r die Methodik einer Reflexion auf den jugendkulturellen Zusammenhang, den wir &rsaquo;Pop&lsaquo; nennen: Wer in der Besch&auml;ftigung mit Jugendkultur die Wiederkehr eines modischen Stilmerkmals vergangener Jahrzehnte entdeckt, entdeckt nicht mehr als die Selbstreferenzialit&auml;t von Pop, die der Pop gar nicht verheimlicht: dieser modische Selbstbezug ist seine Erscheinungsweise &mdash; aber die Popkultur ist nur diese Erscheinungsweise; wird sie als vermeintliches Wesen dargestellt oder wird gar der Pop zum wesentlichen Signum der Epoche erhoben, so obliegt man schon dem Schein der Popkultur. Das einzig Wesensm&auml;&szlig;ige am Pop ist, da&szlig; er kein Wesen hat. Schein ohne Sein. Pop ist nicht der sp&auml;tkapitalistische Aufbruch der Kultur, sondern sch&ouml;pft aus kulturellen Rudimenten der Hochphase des Konstitutionszusammenhangs kapitalistischer Gesellschaft. Dort versteckt sich das Wesen dieser Kultur; das Wesen des Pop ist aus einem geschichtlichen Au&szlig;enraum, aus der Vergangenheit, geborgt. Methodisch ist dies problematisch als Frage nach der Deutung von Sinn der Pop&#8209; beziehungsweise Jugendkulturen. Die jungen Leute, die heute um die zwanzig sind, die dem Kleidungsstil von Moden ihrer fr&uuml;hesten Kindheit und davor ein Revival geben, verm&ouml;gen ihrem R&uuml;ckgriff kulturell noch so sehr spezifischen Ausdruck verleihen und noch die Turnschuhe, Hosen und Hemden mit Sinn anreichern &mdash; tendenziell bleibt die Popkultur in sich sinnlos; alle Reste von Bedeutung verweisen auf die Urgeschichte der Jugendkultur, einmal mehr: das 19. Jahrhundert. Je energischer versucht wird, den popkulturellen Jugendmoden Sinn als Reflexionsbewu&szlig;tsein auf die vergangenen Popmoden zu verleihen, desto selbstbez&uuml;glicher, auch selbstgef&auml;lliger geriert sich der Pop, desto aggressiver auch das Verschweigen jener geschichtlichen Bedeutungsketten, die an die Fundamente der modernen Kultur heranreichen. Musikalisch: Sicherlich lassen sich einige nicht uninteressante &Uuml;berlegungen anstellen, ob der Grind-Core von Bands wie The Flying Luttenbachers oder US Maple schon die Post-Rock-Reflexion auf den Grunge ist, auf Bands wie Faith No More und Nirvana, die den Noise-Rock von Sonic Youth oder Mudhoney &uuml;berbieten wollten und doch nicht mehr brachten, als die Aufhebung des Hardcore von Nomeansno, Rollins Band und Dead Kennedys, die den Konflikt weitertrieben, der aus dem bombastischen Rock von Led Zeppelin einmal den Punk von The Clash, Sex Pistols oder gar Crass provozierte, aber doch nur R&uuml;ckgriff war auf den Sixties-Beat von The Stooges und Vanilla Fudge; &mdash; und sicher sind solche sinngebenden Verweisungsnetze zu kontaminieren mit dem Augenzwinkern, da&szlig; alles doch nur Referenz ist auf den alten Rock &rsquo;n&rsquo; Roll, der immer noch in seiner Gewalt einzigartig klingt und klingend bleibt; &mdash; und ebenso sicher k&ouml;nnten diese oder jene Linien noch entwickelt werden, sei&rsquo;s zum Industrial, sei&rsquo;s &uuml;ber den Freejazz; &mdash; &mdash; &mdash; fraglich bleibt allerdings, ob diese Versuche der Historisierung und Kanonisierung von Jugendkultur und ihrem musikalischen Ausdruck nicht doch erst dann den erhofften Sinn pr&auml;gnant preisgeben, wenn der Bedeutungsgehalt solcher musikalischer Konstellationen aus dem Gef&uuml;ge des 19. Jahrhunderts dechiffriert wird: zum Beispiel mit Bezug auf Hector Berlioz, der mit &raquo;Riesengitarre&laquo;, mit der &rsaquo;id&eacute;e fixe&lsaquo;, dem musikalischen Einfall, der Vertonung der K&uuml;nstlerexistenz in der &rsaquo;Fantastischen Sinfonie&lsaquo; einen m&ouml;glichen Grundstoff abgeben k&ouml;nnte zur Deutung dessen, was sich strukturell durch alle Weisen der eben gemeinten Linienz&uuml;ge von Popmusik durchsetzt. Es geht nicht darum, da&szlig; der Pop freilich anders klingt als Berlioz, da&szlig; es von Chuck Berry bis zu so unterschiedlichen Bandformationen wie Karate, Propellerheadz, Squarepusher oder Stereolab kein &rsaquo;Dies Irae&lsaquo;-Thema gibt (bis auf die Ausnahme von Argents &rsaquo;The Coming of The {Comet} Kokoutek&lsaquo; Anfang der siebziger Jahre) &mdash; es geht vielmehr um das, was Walter Benjamin den &raquo;Ausdruckszusammenhang&laquo; nannte, und das besch&auml;ftigt methodisch als Problemfrage: &raquo;Marx stellt den Kausalzusammenhang zwischen Wirtschaft und Kultur dar. Hier kommt es auf den Ausdruckszusammenhang an. Nicht die wirtschaftliche Entstehung der Kultur sondern der Ausdruck der Wirtschaft in ihrer Kultur ist darzustellen. Es handelt sich, mit andern Worten, um den Versuch, einen wirtschaftlichen Proze&szlig; als anschauliches Urph&auml;nomen zu erfassen, aus welchem alle Lebenserscheinungen &hellip; des 19ten Jahrhunderts &hellip; hervorgehen.&laquo; Anschauliches Urph&auml;nomen: &raquo;Vergleich der Ph&auml;nomenologie von Hegel und der Grandvilleschen Werke.&laquo; Es war Grandville, der sich mit seinen Karikaturen auch das Musikschaffen Berlioz&rsquo; zum Gegenstand w&auml;hlte &mdash; er fertigte Zeichnungen, die erkennen lassen, wie sehr zur damaligen Zeit sich an der Musik Berlioz schon die krudesten Affronts wie gegen den Pop geltend machten, die n&auml;mlich das unmenschlich Maschinenhafte witterten, das Gestampfe &hellip; [Exkurs &#8544; Ende]</p>
<p>Die Jugend als Dornr&ouml;schen; Benjamin fragte, ob wir (und gemeint war mit &rsaquo;wir&lsaquo; ja er selbst als Teil der Jugend von 1911) nicht dem Zeitalter der Jugend entgegen gehen. Das Dornr&ouml;schen wei&szlig; noch nichts von der sich ank&uuml;ndigenden Befreiung durch den Prinzen; die einhundert Jahre Schlaf schienen Benjamin 1911 fast vorbei &mdash; einhundert Jahre Schlaf: die Zeit der Fr&uuml;hromantik also als letzte Wachzeit der Jugend? Wie alt wird ein Mensch, wenn er einhundert Jahre schl&auml;ft? Darin, da&szlig; die junge und sch&ouml;ne Prinzessin in ihrem Dornr&ouml;schenschlaf jung und sch&ouml;n bleibt, versinnbildlicht sie das Motiv der Jugend schlechthin. Das M&auml;rchen von Dornr&ouml;schen bietet eine Strategie der Befreiung &mdash; die Liebe, der erl&ouml;sende Ku&szlig; des Prinzen &mdash;, mit der stillschweigend zugleich alle wirklichen Probleme des M&auml;rchens gel&ouml;st scheinen; so will es auch die Jugend: die Elterngeneration ist l&auml;ngst verstorben, erledigt, das Geschichtskontinuum ist unterbrochen, stillgestellt, mit der Einl&ouml;sung und Erl&ouml;sung des Fluchs und Zaubers sind auch die b&ouml;sen M&auml;chte verschwunden.</p>
<p>Was geschieht, wenn Menschen einhundert Jahre lang in Schlaf versinken, ist eine spekulative Frage, ist mithin Filmstoff des Science Fiction: &rsaquo;Zur&uuml;ck in die Zukunft&lsaquo; und dergleichen. Ein Gedankenspiel zu Benjamins Dornr&ouml;schen-Allegorie sieht so aus: Wenn die letzte Wachzeit der Jugend um 1811 l&auml;ge und sie dann zu Beginn unseres Jahrhunderts erweckt worden w&auml;re: Welche ihr g&auml;nzlich ungeahnte und unbekannte Welt f&auml;nde sie vor? Joseph von Eichendorff verfa&szlig;te zu Beginn des 18. Jahrhunderts folgende Zeilen: &raquo;Was ist denn eigentlich die Jugend? Doch im Grunde nichts anderes, als das noch gesunde und unzerknitterte, vom kleinlichen Treiben der Welt noch unber&uuml;hrte Gef&uuml;hl der urspr&uuml;nglichen Freiheit.&laquo; &mdash; Einhundert Jahre sp&auml;ter erwacht die Jugend in einer Welt der Gro&szlig;st&auml;dte, der elektrischen Stra&szlig;enbeleuchtung, der Reklame, des Imperialismus, der Kolonien, der modernen Kriegf&uuml;hrung, des Films und der Fotografie, der Massenproduktion, der Fabriken, des Automobilverkehrs und dergleichen. Die Jugend bewahrt sich das &raquo;unber&uuml;hrte Gef&uuml;hl der urspr&uuml;nglichen Freiheit&laquo; und baut es ein in die vorgefundenen neuen sozialen und technischen Bedingungen. Die Jugend verbindet dieses Gef&uuml;hl mit der neuen Welt. Ihr Bezug zur Technik ist ahistorisch und feiert doch die geschichtlichen Errungenschaften der technisierten Welt, aber als Schein. Wir k&ouml;nnen das f&uuml;r den jugendlichen Zugriff auf die gegenw&auml;rtige Technik exemplarisch sagen: Es war die Jugend, die sich in der Computerwelt einrichtete, die das Internet eroberte; in der Musik haben die Experimente mit elektronischer-synthetischer Klangerzeugung rund siebzig Jahre gebraucht, um in der neuen Kunstmusik doch klanglos zu verhallen &mdash; aber die Jugend, jede der letzten Generationen f&uuml;r sich, brachte spielerisch die Elektronik in die Musik, entdeckte mit Sampling&#8209; und Syntheseverfahren die Einfachheit der Computermusik, proklamierte selbst noch den Schallplattenspieler als vollwertiges Instrument der DJ-Kultur und damit als ma&szlig;geblichen Schritt vermeintlicher Demokratisierung der Popkultur. Safe the Vinyl gegen den Vormarsch der CD-Spieler; mit Looping und Scratching machte sich die Jugend vermittels der Technik die alten Jazzplatten nutzbar und behauptete so Geschichtsbewu&szlig;tsein, das doch als Masche der Selbstreferenzialit&auml;t in der Popkultur l&auml;ngst vorgesehen ist. Doch die Technik ist im Prinzip so alt wie der Wunsch, &uuml;ber sie die Kultur zu demokratisieren: sie wurde begr&uuml;ndet im letzten Jahrhundert von Orchestrion und Walzengrammofon. Mit dem Wunsch einer Demokratisierung durch Technik wird zudem zugleich die verbindliche Gemeinschaft &rsaquo;der&lsaquo; Jugend konstituiert &mdash; tats&auml;chlich bleiben es auch hier einzelne, die den technischen Zusammenhang &auml;sthetisch verf&uuml;gbar machen; diese Form der &Auml;sthetisierung der Technik ersetzt das Kollektiv &rsaquo;Jugend&lsaquo;.</p>
<p>In Zeiten der Romantik eingeschlafen, wacht das Dornr&ouml;schen ein Jahrhundert sp&auml;ter wieder auf. Mit den vorgefundenen Bedingungen kann sich die Jugend deshalb schnell arrangieren, weil es sie eben vorfindet, nicht wirklich erfindet; das Romantische lebt nach. Zur selben Zeit als Walter Benjamin seinen ber&uuml;hmten Aufsatz &rsaquo;Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit&lsaquo; verfa&szlig;t, wird unter gr&ouml;&szlig;tem technischen Aufwand und der Regie von Walt Disney der erste abendf&uuml;llende Zeichentrickfilm fertiggestellt: &rsaquo;Snow White and The Seven Dwarfs&lsaquo;. In den Jahren 1937 und 1938 spielte der Film weltweit mehr als acht Millionen Dollar ein. Walt Disney sagte: &raquo;Hunderte von jungen Leuten wurden unterrichtet und in eine Maschinerie eingepa&szlig;t, die Unterhaltung produzierte, die wiederum verbl&uuml;ffend komplex geworden war. Und diese Maschinerie mu&szlig;te nun fast &uuml;ber Nacht in Gang gesetzt werden, um an Stelle von Kurzfilmen haupts&auml;chlich abendf&uuml;llende Zeichentrickfilme auf den Markt bringen zu k&ouml;nnen.&laquo; Der Zweite Weltkrieg stand bevor; was der Film als Trickillusion vermochte, hatte seine Realinszenierung in den Massenveranstaltungen der Faschisten: in M&uuml;nchen fand 1939 am Wochenende vom 14. bis zum 16. Juli 1939 der &raquo;Tag der Deutschen Kunst&laquo; statt, Leni Riefenstahl wurde 1937 auf der Weltausstellung in Paris mit der Goldmedaille f&uuml;r ihren Film &rsaquo;Triumph des Willens&lsaquo; ausgezeichnet und erhielt auf der Biennale in Venedig f&uuml;r &rsaquo;Olympia&lsaquo; den &raquo;Goldenen L&ouml;wen&laquo; &mdash; vor Walt Disneys &rsaquo;Snow White&lsaquo;. &mdash; Max Fleischer drehte schon 1933, das Jahr der nationalsozialistischen Machtergreifung, ebenfalls einen Film &rsaquo;Snow White&lsaquo;; 1959 folgt &rsaquo;Sleeping Beauty&lsaquo; von Disney, der mit sechs Millionen Dollar teuerste Zeichentrickfilm und, wie Disney selbst sagte, sein Meisterwerk &mdash; F&uuml;nfziger Jahre: Rock &rsquo;n&rsquo; Roll, Koreakrieg, 1961: Vietnamkrieg und so weiter (&hellip; fortsetzbar).</p>
<p>Exkurs &#8545;: Traumschlafende Jugend; Jugend selbst als Ausdruck des Traumschlafs einer Epoche, die von sich selber tr&auml;umt. &mdash; Wie Dornr&ouml;schen wird Schneewittchen ebenso von einem jungen Prinzen wachgek&uuml;&szlig;t, was gewisserma&szlig;en ihre &rsaquo;Adoptiveltern&lsaquo;, die sieben alten Zwerge nicht vermochten. Ihr Antlitz hat das Bild der Jugend gepr&auml;gt, als Modellfall von jugendlicher, bleibender Sch&ouml;nheit. &mdash; Sch&ouml;nheit erh&auml;lt sich derart aber nur im Schlaf, und so wie Walter Benjamin das M&auml;rchen vom Dornr&ouml;schen in seiner Theorie verwendet, wird fraglich, ob der erl&ouml;sende, erweckende Ku&szlig; wirklich in einen bewu&szlig;ten Wachzustand f&uuml;hrt oder ob er nicht vielmehr fungiert wie der Traum, man sei erwacht. Einhundert Jahre sind eine Ewigkeit &mdash; diese Zeitspanne ist aber im M&auml;rchen merkw&uuml;rdig paradox gesetzt, denn bekanntlich ist die Erl&ouml;sung, sofern dem M&auml;rchen eigent&uuml;mlich, je nur wieder eine Ewigkeit, der stillgestellte Augenblick der Rettung, das &raquo;Und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute &hellip;&laquo;.</p>
<p>Auch wenn der von Benjamin herbeizitierte Text eine Jugendschrift von ihm ist und daraus ablesbare Spekulationen zum Dornr&ouml;schenmotiv &uuml;bertrieben klingen m&ouml;gen, so ist in diesem fr&uuml;hen Bild von der Jugend als Dornr&ouml;schen doch ein berechtigter Interpretationsspielraum enthalten, der nahelegt, den Gedanken derart fortzuf&uuml;hren. &Uuml;berhaupt in dieser Weise mit Bildern und Verbildlichungen zu arbeiten, ist dem Denken Benjamins nichts &Auml;u&szlig;erliches; nicht nur verf&uuml;gt Benjamin &uuml;ber eine ausgearbeitete Theorie der Allegorie und Emblematik &mdash; sowohl bez&uuml;glich der Barock-Allegoresen wie auch hinsichtlich der Reklame-Emblematik der Warengesellschaft &mdash;, sondern das M&auml;rchen als Allegorie folgt selbst schon der Anwendung seines spezifischen, mit eben solchen Allegorien arbeitenden Denkens, das er ein &raquo;Denken in Konstellationen&laquo; nennt, dem es um das Erfassen dialektischer Bilder geht.</p>
<p>&raquo;Bild ist dasjenige, worin das Gewesene mit dem Jetzt blitzhaft zu einer Konstellation zusammentritt. Mit anderen Worten: Bild ist die Dialektik im Stillstand.&laquo;</p>
<p>&raquo;Zum Denken geh&ouml;rt ebenso die Bewegung wie das Stillstellen der Gedanken. Wo das Denken in einer von Spannungen ges&auml;ttigten Konstellation zum Stillstand kommt, da erscheint das dialektische Bild. Es ist die Z&auml;sur in der Denkbewegung. Ihre Stelle ist nat&uuml;rlich keine beliebige. Sie ist &hellip; da zu suchen, wo die Spannung zwischen den dialektischen Gegens&auml;tzen am gr&ouml;&szlig;ten ist. Demnach ist der in der materialistischen Geschichtsdarstellung konstruierte Gegenstand selber das dialektische Bild. Er ist identisch mit dem historischen Gegenstand; er rechtfertigt seine Absprengung aus dem Kontinuum des Geschichtsverlauf.&laquo;</p>
<p>Benjamins unabgeschlossenes Projekt &rsaquo;Das Passagen-Werk&lsaquo;, eine gro&szlig;e Sammlung von Fragmenten, Zitaten &mdash; eben Textpassagen &mdash;, die es unternimmt, die Urgeschichte der Moderne anhand von &raquo;Paris als Hauptstadt des 19. Jahrhunderts&laquo; zu rekonstruieren, exemplarisch ausgef&uuml;hrt an Paris&rsquo; Einkaufspassagen, war gedacht als &raquo;dialektische Feerie&laquo;; das &rsaquo;Passagen-Werk&lsaquo; sollte, wie es die Benjamin-Expertin Susan Buck-Morss auf den Punkt bringt, insgesamt eine Nacherz&auml;hlung vom Dornr&ouml;schen werden &mdash; in marxistischer Form. Die metaphorische Bedeutung des M&auml;rchens, speziell des Dornr&ouml;schenm&auml;rchens, steckt im Schlafmotiv; die Thematik von Traumschlaf und Erwachen durchzieht das gesamte &rsaquo;Passagen-Werk&lsaquo;. Was in diesem Zusammenhang Traum und Schlaf meint, durchbricht die &uuml;blichen psychoanalytischen und ideologischen Deutungen; vielmehr handelt es sich um Allegorien, beziehungsweise geht es Benjamin, wie oben schon dargestellt, um den Ausdruckszusammenhang solcher Verh&auml;ltnisse, derer man nur durch Konstellationen, durch dialektische Bilder und Allegoresen habhaft werden kann. In die Thematik von Traum und Erwachen ist alles hineingenommen: die neuen Techniken der Massenkultur, die Individual&#8209; wie Sozialbeziehungen der Menschen, die Kunst, die Geschichte etc., &mdash; denn hier ist ein Grundmotiv der kapitalistischen Gesellschaft bezeichnet: was allegorisch das M&auml;rchen an Sprengkraft hat, bildet sich real in der Phantasmagorie der Warengesellschaft ab.</p>
<p>Schon einer vorangegangenen Arbeit, dem &rsaquo;Ursprung des deutschen Trauerspiels&lsaquo;, h&auml;tte Benjamin gerne eine nacherz&auml;hlte Version des Dornr&ouml;schenm&auml;rchens vorangestellt, wie es in einem Brief an Gershom Scholem hei&szlig;t: &raquo;Ich m&ouml;chte das M&auml;rchen vom Dornr&ouml;schen zum zweiten Male erz&auml;hlen. Es schl&auml;ft in seiner Dornenhecke. Und dann, nach so und so viel Jahren wird es wach. Aber nicht vom Ku&szlig; eines gl&uuml;cklichen Prinzen. Der Koch hat es aufgeweckt, als er dem K&uuml;chenjungen die Ohrfeige gab, die, schallend von der aufgesparten Kraft so vieler Jahre, durch das Schlo&szlig; hallte.&laquo; &mdash; Bei Benjamins Analyse des Kapitalismus und seines Ausdruckszusammenhangs geht es um den &raquo;Traumschlaf einer Epoche auf ihr Erwachen hin&laquo;. In den Komplex von M&auml;rchen, Traum, Schlaf geh&ouml;rt die Jugend unabdingbar mit hinein; es hei&szlig;t: &raquo;Das Erwachen als ein stufenweiser Proze&szlig;, der im Leben des einzelnen wie der Generationen sich durchsetzt. Schlaf deren Prim&auml;rstadium. Die Jugenderfahrung einer Generation hat viel gemein mit der Traumerfahrung. Ihre geschichtliche Gestalt ist Traumgestalt. Jede Epoche hat diese Tr&auml;umen zugewandte Seite, die Kinderseite.&laquo; &mdash; Trotz weckendem Ku&szlig; bleibt es also beim Schlaf der Jugend respektive beim Dornr&ouml;schenschlaf; beziehungsweise versinnbildlicht die Jugend den Traumschlaf der Epoche von sich selbst. In einer weiteren fr&uuml;hen Schrift Benjamins, die mit &rsaquo;Metaphysik der Jugend&lsaquo; betitelt (und circa 1913 geschrieben) ist, finden sich die S&auml;tze: &raquo;T&auml;glich nutzen wir ungemessene Kr&auml;fte wie die Schlafenden. Was wir tun und denken ist erf&uuml;llt vom Sein der V&auml;ter und Ahnen. Eine unbegriffene Symbolik verknechtet uns ohne Feierlichkeit. &mdash; Manchmal erinnern wir uns erwachend eines Traumes. So erleuchten selten Hellsichten die Tr&uuml;mmerhaufen unserer Kraft, an denen die Zeit vor&uuml;berflog &hellip; Jedes Gespr&auml;ches Inhalt ist Erkenntnis der Vergangenheit als unserer Jugend und Grauen von den geistigen Massen der Tr&uuml;mmerfelder.&laquo; [Exkurs &#8545; Ende]</p>
<p>Noch einmal Mode. Subkultur: Politik als Stil, Jugend als Kunst. Jugendstil als Diktat mit Zeichensetzungsfehlern.</p>
<p>Hier hat die Mode den dialektischen Umschlageplatz zwischen Weib und Ware &mdash; zwischen Lust und Leiche &mdash; er&ouml;ffnet.<br />
Walter Benjamin</p>
<p>Die Jugend ist das Dornr&ouml;schen &mdash; eine Frau, aber nicht weiblich, sondern s&auml;chlich durch die Verniedlichung (wie die Ware, wie die Frau als Objekt, die Prostituierte als Warending). Die Rollen sind verteilt: Der Mann &mdash; der Prinz &mdash; ist &raquo;Geist&laquo;, er haucht mit dem Ku&szlig; das Leben ein; die Frau &mdash; die Prinzessin &mdash; ist K&ouml;rper, reglos ohne die List des Mannes (aber wenigstens sch&ouml;n anzusehen: der gl&auml;serne Sarg, in dem Schneewittchen liegt, ist &mdash; &uuml;brigens trefflich von Walt Disney umgesetzt &mdash; das Schaufenster, in dem die Modepuppe steht, das Pr&auml;sentierfenster der Hure, die Vitrine der Warenauslage; die List im M&auml;rchen ist freilich im Kapitalismus ersetzt durch das Geld). Sofern auch die Jugend und ihre Kultur nicht frei ist von der patriarchalen Herrschaft, sofern also die Jugendkultur eine m&auml;nnliche ist, von M&auml;nnern definiert wird, stellt sich bei der Allegorie vom Dornr&ouml;schenm&auml;rchen die Frage nach m&ouml;glicher Umkehrung: Was w&auml;re, wenn das Dornr&ouml;schen einen schlafenden Prinzen wachk&uuml;&szlig;te? Dieses Verh&auml;ltnis ist im M&auml;rchen nicht ohne weiteres umkehrbar, in der Realit&auml;t unter gegebenen Bedingungen erst recht nicht. Der Prinz k&uuml;&szlig;t die Prinzessin nur, weil er &uuml;berw&auml;ltigt ist von ihrer Sch&ouml;nheit &mdash; er kennt seinen Lohn schon, den K&ouml;rper der Frau, den er begehrt; eine b&ouml;se &Uuml;berraschung, etwa im Moment des Erwachens der nachholende Alterungsproze&szlig; der Prinzessin, scheint ausschlie&szlig;bar. Anders funktioniert der Ku&szlig; zum Beispiel im M&auml;rchen vom Froschk&ouml;nig: die k&uuml;ssende Prinzessin mu&szlig; sich zun&auml;chst ganz auf die &rsaquo;inneren Werte&lsaquo;, den &rsaquo;Charakter&lsaquo; des Frosches verlassen; auch das Versprechen, da&szlig; der Frosch ein verwandelter K&ouml;nig sei, sagt noch nichts &uuml;ber sein Aussehen &mdash; und selbst wenn er absehbar sch&ouml;n w&auml;re: woher wei&szlig; die Prinzessin, da&szlig; er ihr Typ ist? Die Ideologie der Sch&ouml;nheit, die die Jugend verk&ouml;rpert, funktioniert genauso, nur real: Das Begehren der zur Koketterie verdammten Weiblichkeit. Unter Beibehaltung der Ku&szlig;option sind die Rollen also nur vertauschbar, wenn die Geschlechterrollen als solche belassen, ja noch &uuml;bertrieben werden. In dem Aufsatz &rsaquo;Metaphysik der Jugend&lsaquo; hat Benjamin eine kleine prosaische Passage eingeflochten, die lesbar ist als die m&ouml;gliche Umkehrung des Verh&auml;ltnisses; die Charaktere sind offensiv: nicht umsonst d&uuml;rfte der listige Prinz ersetzt sein durch &raquo;Das Genie&laquo;, die M&auml;rchenprinzessin durch &raquo;Die Dirne&laquo;. Schlaf und Ku&szlig; sind zusammengezogen zum Sexualakt:</p>
<p>&raquo;Das Genie	Ich komme zu dir, um bei dir auszuruhen.</p>
<p>Die Dirne	So setze dich.</p>
<p>Das Genie	Ich will mich zu dir setzen &mdash; eben habe ich dich ber&uuml;hrt, und mir ist, als h&auml;tte ich schon Jahre geruht.</p>
<p>Die Dirne	Du machst mich unruhig. Wenn ich neben dir l&auml;ge, k&ouml;nnte ich nicht schlafen.</p>
<p>&hellip;</p>
<p>Das Genie	Alle Frauen, zu denen ich komme, sind wie du. Sie haben mich tot geboren und wollen von mir Totes empfangen.</p>
<p>Die Dirne	Aber ich bin die Todesmutigste. (Sie gehen schlafen.)&laquo;</p>
<p>Dies f&uuml;hrt uns in der &Uuml;berlegung zu einem verschwiegenen Band der Jugend, zum Ausdruckszusammenhang von Sexualit&auml;t. Was die Jugend als Ideologie an Sexualit&auml;t verk&ouml;rpert, ist eingeklammert als ewigw&auml;hrende T&uuml;chtigkeit des sich doch der Arbeitsdisziplin verweigern wollenden K&ouml;rpers; Tanz und der Sexualakt sind seine Realmetaphern &mdash; eine m&ouml;gliche &Uuml;bersetzung des Wortes Rock &rsquo;n&rsquo; Roll w&auml;re Tanzen und Ficken. Was hei&szlig;t in Benjamins kleinem Dialog &rsaquo;die Todesmutigste&lsaquo;? Mit Bezug auf Benjamin f&uuml;hrt Susan Buck-Morss diesen Ausdruckszusammenhang aus &mdash; die Mode kommt erneut ins Spiel: An der Mode h&auml;ngt die Jugend, in der Mode ist die Jugend; es gibt Moden im Tanz wie in der Bekleidung, in der Musik wie auch in der Sexualit&auml;t (zum Beispiel die Mode der geduldeten Perversion, Sado-Masochismus, ohne die Sexualtabus zu verletzen): Das &raquo;ununterbrochene Streben&laquo; der Mode &raquo;nach &rsaquo;Neuheit&lsaquo;, nach Trennung vom Gegebenen, gestattet die Identifikation von Generationsgruppen, deren Kleidung ein Ende der Abh&auml;ngigkeit und der nat&uuml;rlichen Determiniertheit der Kindheit sowie den Eintritt in ihre eigene kollektive Rolle als historische Akteure symbolisiert. Positiv gedeutet, verh&auml;lt sich die moderne Mode der Tradition gegen&uuml;ber respektlos, zelebriert nicht die Gesellschaftsklasse, sondern die Jugend und ist somit emblematisch f&uuml;r den sozialen Wandel&laquo;. Und Benjamin: &raquo;Moden sind ein Medikament, das die verh&auml;ngnisvollen Wirkungen des Vergessens, im kollektiven Ma&szlig;stab, kompensieren soll.&laquo; Und noch einmal Buck-Morss: &raquo;Die lebendige menschliche F&auml;higkeit zur Ver&auml;nderung und unendlicher Variation wird entfremdet und nur als Eigenschaft des anorganischen Gegenstands best&auml;tigt. Dagegen wird die biologische Totenstarre der ewigen Jugend zum Ideal f&uuml;r die menschlichen Subjekte, die nach den Vorschriften der Mode zu strengem Konformismus angehalten werden &hellip; Nicht mehr der Mensch &mdash; sondern Sex-Appeal geht von den Kleidern aus, die man tr&auml;gt &hellip; Mit ihrem Verm&ouml;gen, den Lusttrieb auf die anorganische Natur zu lenken, verbindet die Mode den Warenfetischismus mit dem f&uuml;r die Moderne charakteristischen Sexualfetischismus.&laquo;</p>
<p>Die jugendliche Frau imitiert die Schaufensterpuppe, imitiert das Schneewittchen im Glassarg; Benjamin sagt, die Mode &raquo;war nie etwas anderes als die Parodie der bunten Leiche.&laquo; Im Sarg tr&auml;gt Schneewittchen kein Leichentuch, im Schlaf tr&auml;gt Dornr&ouml;schen kein Schlafgewand &mdash; sie tragen sch&ouml;nste und feinste Kleider, mit denen man ausgehen kann, mit denen M&auml;nner bet&ouml;rt werden.</p>
<p>Jugend und Mode sind der ideologische Verbund des Ewig-wiederkehrenden-Neuen; selbst die durch sie vermeintlich provozierten oder repr&auml;sentierten Probleme &mdash; Jugendkriminalit&auml;t, Verwahrlosung, Drogen, Konsumorientierung etc. &mdash; pr&auml;sentieren sich von Generation zu Generation best&auml;ndig als Schock der &raquo;neuen Qualit&auml;t&laquo;, des Noch-nie-Dagewesenen; die Mode begleitet diesen Schock in Kleidung, Ausdruck und Habitus, und potenziert ihn zugleich, indem sie das Schockmoment zu bewahren versucht, wo die Jugendlichkeit selbst schnell sich verfl&uuml;chtigt. Nicht nur der Jugend erscheint ihr eigener Ausdruck als &Uuml;berbietung der bisherigen Jugendkulturen, sondern auch die Forschungszweige, die die Jugendkultur aufmerksam verfolgen und es eigentlich besser wissen sollten, kreieren aus jeder neuen Mode ein problematisches Jugendbild, das best&auml;ndig in Richtung Katastrophe tendiert: noch nie sei die Jugend so kriminell, individualisiert, vernachl&auml;ssigt et cetera gewesen. Dabei sieht die b&uuml;rgerliche Jugendforschung nicht einfach qualitative Entwicklungsspr&uuml;nge von Generation zu Generation, sondern best&auml;ndig einen neuen Begriff der Jugend arbeiten &mdash; und einen neuen Begriff der Mode, die sich darin dann selbst &uuml;berbietet: nicht nur f&uuml;r sich ist die Mode &raquo;die ewige Wiederkehr des Neuen&laquo; (Benjamin), sondern auch an sich kehrt sie als st&auml;ndiges Novum wieder. Die b&uuml;rgerliche Jugendsoziologie setzt mit jedem wechselnden Jugend&#8209; und Modebegriff erneut die Apparatur der empiristischen Forschung in Gang; nur selten dringt sie zum Resultat der ideologischen Konstruktion der Jugend vor &mdash; sie verharrt in der Regel in der Faszination des Uneinsch&auml;tzbaren, Unverst&auml;ndlichen, Anderen, dem sie kulturell entr&uuml;ckt ist; nicht wird die Jugendkultur polarisiert, sondern die Jugendforschung polarisiert sich selbst und damit ihren Gegenstand: der verwahrloste Jugendkriminelle, die minderj&auml;hrigen Drogenabh&auml;ngigen, das mi&szlig;brauchte Schulm&auml;dchen &mdash; sie stehen beziehungslos dem Bild einer reibungslosen Jugend gegen&uuml;ber, den netten jungen Leuten, die etwas ausgeflippt sind, aber ihren Spa&szlig; ma&szlig;voll auf das Wochenende beschr&auml;nken, auf die Love-Parade. Jugend darf Spa&szlig; haben, soll Spa&szlig; haben. Alles, was unter das Jugendstrafrecht f&auml;llt, ist selbstverst&auml;ndlich kein Spa&szlig;. In dem Ma&szlig;e, wie die Erwachsenenwelt zu ihren Kriterien der Beurteilung der Jugend ihr eigenes Gesetz erkl&auml;rt, fehlt von Jugendgeneration zu Jugendgeneration das Unterscheidungsverm&ouml;gen zwischen einem vierzehnj&auml;hrigen Autoknacker, einem auf Demonstrationen militant agierenden Punkrocker und einem mordenden und brandschatzenden Neonazi. Sie alle vereinigen sich zum Bild einer Jugend au&szlig;er Kontrolle. Stets z&auml;hlt den Erwachsenen dabei als h&ouml;chstes Argument das der Belehrung, womit sie Verst&auml;ndnis bezeugen wollen &mdash; und doch zugleich die Jugend auf unerreichbare Distanz bringen, indem sie sich ihr &auml;hnlich machen: Als sie jung gewesen seien, da w&auml;ren sie schlie&szlig;lich auch &rsaquo;wild&lsaquo; gewesen, aber nicht so. Dieses belehrende Argument wird flankiert von einer zweiten Strategie, Verst&auml;ndnis f&uuml;r die Jugend zu zeigen, n&auml;mlich sie zu imitieren, mit vierzig noch so herumzulaufen wie die Zwanzigj&auml;hrigen, jung zu bleiben. Mode und Moral &uuml;berlappen sich. Doch nichts ist der Jugend verha&szlig;ter als Imitation und Belehrung durch die Erwachsenenwelt &mdash; dabei geht es weder um den verst&auml;ndnisvollen Verweis auf ehedem eigene Wildheit der Erwachsen, noch um deren Imitation der Jugendmode (schlie&szlig;lich ist es ja einigen Gesellschaftskreisen vorbehalten, auch von der Jugend akzeptiert, sich ihr Leben lang &rsaquo;jugendlich&lsaquo; zu geben: K&uuml;nstlern etwa). Was die Jugend ha&szlig;t und hassen mu&szlig;, ist &uuml;berhaupt der erwachsene Anspruch vom Verst&auml;ndnis; Jugend will und darf nicht verstehbar sein. Jede Mode der Jugend, sei es Verhalten, sei es Kleidung, sei es Ausdruck, sei es Musik, kalkuliert mit der Esoterik der Nicht-Verstehbarkeit. Benjamin hat das schon 1929 erkannt: &raquo;Die b&uuml;rgerliche Gesellschaft hypostasiert ein absolutes Kindsein oder Jungsein, dem sie das Nirwana der Wanderv&ouml;gel, der Boyscouts anweist, sie hypostasiert ein ebenso absolutes Menschsein und B&uuml;rgersein, das sie mit den Attributen der idealistischen Philosophie schm&uuml;ckt. In Wirklichkeit sind beides aufeinander eingespielte Masken des tauglichen, sozial verl&auml;&szlig;lichen, standesbewu&szlig;ten Mitb&uuml;rgers.&laquo;</p>
<p>Benjamin fragte, ob wir nicht dem Zeitalter der Jugend entgegengehen. Die Zeit, in der der jugendliche Benjamin dies fragte, war kulturell ums&auml;umt von einem k&uuml;nstlerischen Stil, der etwas von der Dornenhecke hat, die das Schlo&szlig;, in dem Dornr&ouml;schen schl&auml;ft, umwuchert: das Ornamentale, das Dekorative, die pflanzlichen Arabesken: Jugendstil. Das Verh&auml;ltnis der Jugend zum Ornament ist so gespalten wie die einstige Kritik des Funktionalismus, wie das Adolf Loossche Verdikt vom Ornament als Verbrechen, die in ihrer Konsequenz &mdash; und sei es in Reihungen der ornamentfreien Fassade &mdash; doch wieder zum Ornamentalen zur&uuml;ckkehrte: Im selben Moment, in dem das Dornr&ouml;schen wachgek&uuml;&szlig;t wird, verschwindet die Dornenhecke; zur Pr&uuml;fung, geeignet zu sein, das Dornr&ouml;schen &uuml;berhaupt zu befreien, geh&ouml;rt die ornamentale Dornenhecke aber unbedingt dazu. Vielleicht auch so: Jugendmoden der neunziger Jahre, von den B-Boys im Hip-Hop &uuml;ber die Postrock-Anh&auml;nger bis zu den Skinheads, sind in ihrem Kleidungsstil durch eine gewisse Ornamentlosigkeit gekennzeichnet: Kaum bedruckte Kleidung, die Schuhe sind funktional, die aufdringliche Buntheit der achtziger Jahre zwischen Glamourpop und den Anh&auml;ngern der Alternativszene (&raquo;&Ouml;kos&laquo;) ist verschwunden; schlichte und klare Farben und Formen bestimmen das Bild der Mode. Doch auf der Haut kehrt das Ornament zur&uuml;ck, im K&ouml;rperschmuck und den T&auml;towierungen.</p>
<p>Der Jugendstil (benannt nach der M&uuml;nchner Zeitschrift &rsaquo;Jugend&lsaquo;) ist die Kunst, die gewisserma&szlig;en das 20. Jahrhundert kulturell erfunden hat. Es war eine Auflehnung gegen den Historismus, eine Auflehnung gegen die Dekadenz, die alle Formen von Gotik, Renaissance, Klassik, was auch immer, kombinierte und nicht l&auml;nger an die M&ouml;glichkeit des Neuen glaubte. Der Jugendstil setze dem das Neue entgegen; er war zugleich die Modernisierung der Mode. Die gro&szlig;e Industrie, die Urbanisierung des Lebens zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde &mdash; wie die Dornenhecke &mdash; &uuml;berzogen mit floralem Ornament. Die tragenden Elemente der noch jungen Stahlbauweise ragten wie Pflanzen hervor. So wie die Geb&auml;ude ornamentiert und mit einem dekorativen Begriff des Lebens &uuml;berzogen wurden, so findet sich in diesem gro&szlig;en Dornenheckenschlo&szlig; des 20. Jahrhunderts auch das schlafende Dornr&ouml;schen: Das figurale Hauptmotiv des Jugendstils war die bleiche Frau, ihr wallendes Haar stets verwachsen mit den M&auml;anderb&auml;ndern der sie rahmenden Pflanzengew&auml;chse. &raquo;Das Sch&ouml;nheitsideal des Jugendstils bildet die frigide Frau.&laquo; Auch M&auml;rchenprinzessinnen wie Dornr&ouml;schen oder Schneewittchen haben etwas von dieser Frigidit&auml;t; zumindest bewahren sie sich die Unschuld: der erl&ouml;sende Ku&szlig; ist zugleich der erste. Es ist der Mann, der die Frau zu wahrer jugendlicher Sch&ouml;nheit weckt; zugleich bleibt der sexuelle Wunsch unerf&uuml;llt. Der Philosoph Adorno kommentierte dies mit den Worten: &raquo;Jugendstil ist, wie der Name verr&auml;t, die in Permanenz erkl&auml;rte Pubert&auml;t: Utopie, welche die eigene Unrealisierbarkeit diskontiert.&laquo; Jugend ist Dekoration; Popkultur ist Pop-Art D&eacute;co. Benjamin notierte im &rsaquo;Passagen-Werk&lsaquo; das Vorhaben &raquo;den Jugendstil bis in seine Auswirkung in die Jugendbewegung [zu] verfolgen.&laquo; Der Jugendstil realisierte eine Politik der Jugend wie heute die Popkultur: politisches Engagement als &auml;sthetisches Stilornament, als Dekoration der Jugendmode. Der Pop f&uuml;hrt ein Versprechen mit sich: da&szlig; die Jugend beauftragt sei, die Welt politisch allein mit Hilfe &auml;sthetischer Mittel zu ver&auml;ndern. Der Jugendstil und die Popkultur sind aber zugleich schon der Glaube, diese Ver&auml;nderung je schon verwirklicht zu haben. Die politischen Ver&auml;nderungen, die angestrebt sind, verkleiden sich als welche, die mit der ganzen Gesellschaft solidarisch sich erkl&auml;ren; zugleich ist jede &uuml;ber die Jugendkultur vermittelte Politik ein Ausschlu&szlig;: an den vermeintlichen Ver&auml;nderungen der Welt hat nur Anteil, wer bereit ist, die Welt zu verlassen &mdash; und wer jung und sch&ouml;n genug ist, sich den Stil der Politik brauchbar anzueignen.</p>
<p>Dem liegt von vornherein schon eine &Uuml;berh&ouml;hung des Politischen zugrunde (&mdash; n&auml;mlich: eine &auml;sthetische &Uuml;berh&ouml;hung des Politischen, die zugleich politische &Uuml;berh&ouml;hung des &Auml;sthetischen ist). Das eigentlich bahnbrechende am Jugendstil war jedoch weniger der k&uuml;nstlerische Gehalt &mdash; so wie im Rock &rsquo;n&rsquo; Roll auch nicht die musikalische Struktur das Bahnbrechende ist &mdash;, sondern die Fundierung der Kritik der bisherigen Kultur im Eingest&auml;ndnis, da&szlig; Kunst, auch Lebenskunst, endlich ohne Scheu &uuml;berf&uuml;hrt werden mu&szlig; in die Bezirke der &ouml;konomischen Produktion und die Warenzirkulation. Der &auml;sthetische Ausdruckszusammenhang des Jugendstils besteht weniger in den floralen Ornamenten an sich, sondern in ihrer Nutzbarmachung f&uuml;r die Zwecke der Reklame. Die Punkmusik, die 1977 die &Ouml;ffentlichkeit erreichte, war kaum innovativ in den drei Akkorden, die ihr angeblich origin&auml;r und eigent&uuml;mlich sein sollen; bedeutungsvoll waren hingegen die Proklamationen, die sich politisch gaben, umgesetzt mit den Mitteln der Reklame. &rsaquo;Anarchy in the U.K.&lsaquo; von den Sex Pistols: &raquo;I don&rsquo;t know what &#8544; want, but &#8544; know I&rsquo;m against it.&laquo; Gemeinhin wird der Punkrock als Gegenpol zur zeitgleich entstandenen Discomusik gesehen; gerade in Hinblick auf die Okkupation der Strategien der Reklame ist das aber grundfalsch: die erste, mit vollst&auml;ndiger auf Vermarktung angelegter Werbestrategie produzierte Band, inklusive der geplanten Mode von Vivian Westwood, waren die Sex Pistols und keine Discoband. Gruppen wie Boney &#8559; haben das Prinzip kopiert; zur Vermarktung der Sex Pistols geh&ouml;rten Aufkleber, Puppen, Konfekt, T-Shirts, Utensilien der Stars &mdash; mit welcher Konsequenz so etwas fortgesetzt werden kann, kommt erst in den neunziger Jahren durch die PR-Kampagnen von Boygroups voll zur Geltung.</p>
<p>Die &Uuml;berh&ouml;hung der Jugend durch die Jugend, die &Uuml;berh&ouml;hung der Kultur durch die &Auml;sthetik und schlie&szlig;lich die &Uuml;berh&ouml;hung der Politik durch Carl Schmitt geh&ouml;ren zusammen. So wie gefragt werden kann, was denn eigentlich die Jugend ist und als Antwort ein Konglomerat von Gef&uuml;hlslagen herauskommt, dem aber die Substanz fehlt, so bleibt auch die Frage nach der Kultur der Jugend offen. Das ist ebenso als Konsequenz f&uuml;r die Bedeutungsfrage nach etwaigen Subkulturen zu ber&uuml;cksichtigen: Sind diejenigen, die in den Medien als Hamburger Schule verhandelt werden &mdash; eine Szene um Bands wie Blumfeld, Kolossale Jugend, Tocotronic, Ostzonensuppenw&uuml;rfelmachenkrebs &hellip; &mdash;, eine Jugendbewegung, haben sie einen Stil? Sind sie subkultureller als die Reste der Punkbewegung? Grenzen sie sich von der Fangemeinde jugendlicher Heavy-Metal-H&ouml;rer eindeutig ab, sind sie homogen im Gegensatz zu den jungen Menschen, die mit zwanzig schon im Berufsleben stehen, einen Neuwagen abbezahlen und mit drei&szlig;ig Jahren das Reihenhaus mit ihrer Familie beziehen? Was kennzeichnet das Politische einer Subkultur, die sich zun&auml;chst durch bestimmte Lebenslagen bemerkbar macht, gebildet wird von Menschen, die nach gel&auml;ufiger Meinung am sozialen Abgrund stehen, die sich den Luxus leisten k&ouml;nnen, nachts ihre geringen finanziellen Mittel in Kneipen und Tanzlokalen umzusetzen? Auf einmal werden teure Daunenjacken mit Emblemen Mode und die in den Trabantenst&auml;dten isolierten jungen Leute fangen an, nicht mehr von ihren Altersgenossen teure Turnschuhe zu stehlen, sondern stehlen diese Jacken. Ist das eine subversive Strategie im Umgang mit Mode? Oder ist es Subversion, wenn die schon erw&auml;hnten jugendlichen Nachtmenschen sich mit Second-hand-Kleidung ausstatten, weil sie das Geld lieber f&uuml;r Kneipenbesuche ver&auml;u&szlig;ern, die die sozialen Kontakte sichern, die also ganz unmodisch Kleidung zu tragen beabsichtigen, die einige Zeit sp&auml;ter gleichwohl als Neuware in den Kaufh&auml;usern zu erwerben ist?</p>
<p>Benjamin wurde in seiner Hoffnung auf die Jugendbewegung, das erwachende Dornr&ouml;schen, schon kurze Zeit sp&auml;ter entt&auml;uscht, als eben diese Jugendbewegung sich umstandslos gewinnen lie&szlig; f&uuml;r den Ersten Weltkrieg. &rsaquo;Die Jugend schwieg&lsaquo;, schrieb Benjamin damals einen Aufsatz; man k&ouml;nnte auch sagen: &raquo;Die Jugend schlief.&laquo; Ausgerechnet die Jugend, die auf sich selbst die meiste Hoffnung setzte, machte sich bereitwillig zum Handlanger, der, wenn man so sagen will, niedersten Interessen der Erwachsenen, bejahte den Krieg. Ein eklatanter Widerspruch der Jugendbewegung: jene Generation, die die Gesellschaft der Erwachsenen ablehnt, affirmiert zugleich das aggressivste Konstrukt dieser Gesellschaft, die Nation. Es scheint, als ob alle Jugendbewegungen seither mit dem merkw&uuml;rdigen und bisweilen fatalen Mangel behaftet sind, nicht &uuml;ber die Erscheinungsebene hinausdenken zu k&ouml;nnen, der sie selbst nur angeh&ouml;ren: ihre Ablehnung der Erwachsenenwelt ist eine Verneinung der &auml;lteren Generation wie sie sich zeigt; der gro&szlig;en Weigerung dieser Welt gegen&uuml;ber geht ein gro&szlig;es Mitmachen einher, das zugleich alle wesensm&auml;&szlig;igen Z&uuml;ge dieser Erwachsenenwelt unhinterfragt hinnimmt und gar proklamiert. Schlie&szlig;lich besteht die ph&auml;nomenologische Verwechslung schon darin, da&szlig; &rsaquo;die Jugend&lsaquo; &mdash; wie auch &rsaquo;die Erwachsenen&lsaquo;, die sich mit &rsaquo;der Jugend&lsaquo; besch&auml;ftigen &mdash; als wahren Konflikt der Gesellschaft nur den zwischen den Generationen erkennen; doch die Gesellschaft ist nicht von Erwachsenen gemacht, sondern resultiert naturw&uuml;chsig aus den Mechanismen kapitalistischer &Ouml;konomie. Grob gesprochen, findet die Jugend in den Werten des Nationalismus oder dem Warenreichtums der Gesellschaft den Schl&uuml;ssel, mit dem die Grund&uuml;bel der Gesellschaft beseitigt werden sollen; sie ist allerdings blind daf&uuml;r, da&szlig; diese Grund&uuml;bel einzig aus dem fortgeschrittenen Warenverkehr resultieren, dem der Nationalismus ideologischer &Uuml;berbau ist. Die Kriegsbegeisterung der Jugend zum ersten Weltkrieg, schlie&szlig;lich die Bereitwilligkeit, mit der gro&szlig;e Teile der Jugend als Jugend den Nationalsozialismus unterst&uuml;tzten, setzt unheilvolle Vorzeichen vor jeder gegenw&auml;rtigen Reflexion auf jugendliche Subkulturen. Walter Grasskamp schreibt: &raquo;Jugendkultur entwickelte sich daher zu einem Investitionsschwerpunkt der Kulturindustrie, wobei die Marktsegmente lernten, sich synchron als Subkulturen und diachron als Generationen zu verstehen, denn ihre wichtigsten Identifikationserlebnisse erwarben sie nicht durch Arbeit oder Krieg, Religion oder Politik, sondern im Konsum.&laquo; Der Konsum ist aber nur die Kehrseite des Mitmachens, der Bereitschaft zu Nationalismus und Krieg. Die Doppelfigur hei&szlig;t also in erster Linie nicht Mitmachen versus Weigerung, sondern meint zwei Weisen des Mitmachens, die sich struktur&auml;hnlich sind, auch wenn sie sich einerseits &mdash; bei den jugendlichen Neonazis &mdash; t&ouml;dlich, andererseits bei der konsumorientierten Jugend demokratisch, aber profitabel erweist. &mdash; &mdash; &mdash; Noch einmal zur&uuml;ck zu Benjamin: Wieso hat Benjamin, von der politischen Kraft der Jugendbewegung mehr als entt&auml;uscht und resigniert, bis zuletzt (und &rsaquo;bis zuletzt&lsaquo; meint bis zu seinem Selbstmord w&auml;hrend der Flucht vor den vorr&uuml;ckenden Nazitruppen an der spanisch-franz&ouml;sischen Grenze 1940) an der Hoffnung festgehalten, da&szlig; wenigstens im Ausdruckszusammenhang der Jugend ein Moment der Rettung aufbewahrt ist &mdash; eine nicht&#8209;&uuml;berh&ouml;hte &Auml;sthetik der Mode, eine nicht&#8209;&uuml;berh&ouml;hte Politik. &raquo;Die Mode steht im Dunkel des gelebten Augenblicks, aber im kollektiven. &mdash; Mode und Architektur (im 19ten Jahrhundert) z&auml;hlen zum Traumbewu&szlig;tsein des Kollektivs. Man mu&szlig; dem nachgehen, wie es erwacht. Z.&#160;B. in der Reklame.&laquo; Auch: &raquo;Es gibt Noch-nicht-bewu&szlig;tes-Wissen vom Gewesenen, dessen F&ouml;rderung die Struktur des Erwachens ist.&laquo;</p>
<p>Ist die Mode im Verborgenen doch eine Weigerung? &rsaquo;Jugend&lsaquo; geschichtsphilosophisch betrachtet, meint keineswegs eine kulturelle oder soziale Avantgarde, so wie Teile der Jugendsubkultur sich heute gerne selbst deuten, sondern vielmehr einer Kraft, die genau dadurch vorw&auml;rts strebt, indem sie als einzige Kultur Zugang zum Gewesenen h&auml;tte, was sie aber nicht zu realisieren vermag. Dies schl&auml;gt sich in der Mode einer jeweiligen Jugendkultur nieder. Von Interesse ist deshalb nicht epiph&auml;nomenal das emanzipatorische oder subversive Potential der jeweiligen Mode, sondern das Potential der Mode &uuml;berhaupt. &raquo;Gibt es trotzdem gerade in der Mode Motive der Rettung?&laquo;</p>
<p>Verweigerung des Politischen. Rettung der Jugend, die stillos bleibt. Subkultur.</p>
<p>Die Philosophie ist eigentlich Sache der Jugend, &hellip; der Elan der Jugend, nicht zu resignieren, nicht aufgeben zu wollen, der konstitutiv zum Begriff der Philosophie geh&ouml;rt.<br />
Theodor W. Adorno</p>
<p>Die Zeit der braven jungen Leute ist um.<br />
Ernst Bloch</p>
<p>Subkultur und Politik (1). &mdash; Jugendsubkulturen sind die Ornamente der Hochkultur; sie sind das gute Gewissen der Massenkunst, die &mdash; nach Theodor W. Adornos und Max Horkheimers Wort &raquo;das schlechte Gewissen&laquo; der ernsten Kunst ist.</p>
<p>Subkultur und Politik (2). &mdash; Vorausgesetzt, die Subkulturen b&ouml;ten so etwas wie Strategien der Weigerung: von Interessierten werden Subkulturen gerne so wahrgenommen, da&szlig; jede m&ouml;gliche Weigerung immer schon in die Richtung des politisch wahrhaftigen Ziels verweist. Das mag damit zu tun haben, da&szlig; vor aller Definition von Subkulturen jeweils nur bestimmte Teilbereiche von Jugendkulturen in Betracht kommen. Die Hip-Hop-Subkultur, die Punkbewegung, die Grunge-Kultur, die Raver der Technokultur &hellip; &mdash; ihnen ist ein Subversionsmoment als self-fulfilling prophecy nur deshalb abzuringen, weil andere Jugendgruppen, die unter Umst&auml;nden mit denselben Strategien arbeiten, aber g&auml;nzlich anderer, regressiver Orientierung &mdash; Naziskinheads beispielsweise &mdash; gar nicht als Subkultur darstellbar scheinen.</p>
<p>Subkultur und Politik (3). &mdash; Das Problem aller Begriffsbestimmung von Subkulturen ist, da&szlig; ihnen &mdash; mit einem fragw&uuml;rdigen, konservativen Politikverst&auml;ndnis &mdash; immer schon ein politisches Motiv unterstellt wird. Die Problem ist also nicht, ob Subkulturen politisch sind, sondern da&szlig; sie politisch sind. Das ist darauf zur&uuml;ckzuf&uuml;hren, da&szlig; der zugrunde gelegte Politikbegriff immer schon ein kulturalisierter ist. Dieses Problem gilt ebenso f&uuml;r den mittlerweile stets pr&auml;judizierten Zusammenhang von Jugend und Subkultur, gar Jugendkultur = Subkultur. Davon sind im Nachhinein auch sehr brauchbare Definitionsbestimmungen des Subkulturbegriffs betroffen, wie etwa die grundlegende, die Rolf Schwendter Anfang der siebziger Jahre vorlegte. Schwendter kennzeichnete seinerzeit als Subkulturen (zusammengefa&szlig;t): 1. Kulturen, die vom herrschenden Wertesystem abweichen, zum Teil mit eigenen Institutionen; 2. progressive Subkulturen, die als Gegen&ouml;ffentlichkeit zu begreifen und durch Formen der Selbstorganisation gekennzeichnet sind; 3. Subkulturen, die die herrschende Kultur bedingen und gleichzeitig vor der Anpassung an diese sch&uuml;tzen. Sie stehen somit in einem dialektischen Verh&auml;ltnis zum gesellschaftlichen Ganzen. Dies scheint hervorragend f&uuml;r eine Wahrnehmungsperspektive zu passen, die unter Subkulturen je schon Jugendkulturen mit Subversionspotential versteht. Schwendter rechnete zu den Subkulturen aber wesentlich auch solche, die zun&auml;chst fern vom &uuml;blichen Kultur&#8209; und Jugendzusammenhang operieren: Patienteninitiativen, Altengruppen, Hausbesetzer, die stadtfl&uuml;chtige Alternativbewegung und so weiter.</p>
<p>Subkultur und Politik (4). &mdash; Die Selbst&uuml;berh&ouml;hung: &Auml;sthetisch ist &rsaquo;Jugend&lsaquo; eine kategoriale Qualit&auml;t; die Erscheinung der Jugend soll ewig w&auml;hren, das Wesen jedoch sich st&auml;ndig &auml;ndern (gleichwohl: allein, dieses &rsaquo;Wesen&lsaquo; ist Schein, ist nicht vorhanden). Deshalb werden Subkulturen im &auml;sthetischen Taumel als letzte Bastion ausgemacht, in der sich &uuml;berhaupt noch Wandel zutr&auml;gt. &raquo;Keine Ahnung, was passieren wird, aber wir haben die Vorahnung, da&szlig; die Visionen, die heute zur &rsaquo;Raving Society&lsaquo; entwickelt werden, einen gro&szlig;en gesellschaftlichen Impact haben, vielleicht einen bedeutenderen, als die Theorien und Ideologien der 68er Bewegung auf die heutige Gesellschaft.&laquo; Diese S&auml;tze waren im Juni 1994 im Editorial der Technozeitschrift &rsaquo;Frontpage&lsaquo; zu lesen. Die &rsaquo;Frontpage&lsaquo;, zun&auml;chst ein selbstverwaltetes Undergroundprojekt, wurde von einem gro&szlig;en Verlag aufgekauft und ging schlie&szlig;lich in Konkurs. Ihr Erscheinen wurde eingestellt, der &raquo;gesellschaftliche Impact&laquo; der &raquo;Raving Society&laquo; blieb aus. &raquo;Die ehemals subkulturellen Impulse sind kulturell verallgemeinert, normalisiert, nivelliert und entdramatisiert worden &hellip; Jugendsubkulturelle Absetzbewegungen und Impulse sind &uuml;berfl&uuml;ssig, da die heutige Gesellschaft auf verschiedenen Wegen alles Subkulturelle sofort &rsaquo;entm&auml;chtigt&lsaquo;, normalisiert und von daher das Subkulturelle zum Verschwinden bringt.&laquo; Einiges spricht f&uuml;r die Diagnose, die Tobia Bezzola ausgestellt hat unter dem Stichwort der &raquo;Massenbohemisierung und Bohemisierung der Massenkultur&laquo;.</p>
<p>* * *</p>
<p>Gibt es doch noch ein Moment der Rettung? Die Frage ist auch, ob die Bedeutung von Subkulturen sich &auml;ndert, wenn die Deutung von Subkulturen selbst ge&auml;ndert wird. Was geschieht, wenn der Begriff von Subkultur abr&uuml;ckt vom k&uuml;nstlerisch&#8209;&auml;sthetischen Feld und sich &mdash; &auml;hnlich wie Benjamin es mit der Mode unternommen hat &mdash; auf die soziale Produktion von Zeichen, auf die symbolischen Formen des Stils konzentriert? Also: Lebensstil nicht als Gestaltung des kulturellen Raums verstanden, sondern als &Uuml;berlebensstrategie, als soziales Verm&ouml;gen. Wegbereitend sind hierf&uuml;r die Arbeiten des Birminghamer &rsaquo;Centre for Contemporary Cultural Studies&lsaquo;; in Anlehnung an die strukturale Ethnologie von Claude L&eacute;vi-Strauss und seine Theorie der &rsaquo;bricolage&lsaquo; deuteten Theoretiker wie Stuart Hall und John Clarke &raquo;Stil&laquo; als Strategie von Jugendlichen, die durch eine &raquo;differenzierende Selektion aus der Matrix des Bestehenden&laquo; es sch&ouml;pferisch zu &raquo;Transformationen und Umgruppierungen des Gegebenen in ein Muster [bringt], das eine neue Bedeutung vermittelt, einer &Uuml;bersetzung des Gegebenen in einen neuen Kontext und seiner Adaptation.&laquo; Nach diesem Forschungsansatz ist der Begriff der Subkultur als Spannungszustand einer Achsenkreuzung von Klassenverh&auml;ltnissen, Arbeitsbedingungen, Freizeitverhalten, Kulturen und markt&ouml;konomischen Parametern begriffen, wenn auch nach wie vor auf den spezifischen Kontext von jugendlicher Erfahrungswelt bezogen. Ein derart gesellschaftskritisch verstandener Jugend-Stil w&auml;re an einen kritischen Stilbegriff der &Auml;sthetik zur&uuml;ckzubinden: nach dem Satz Adornos, da&szlig; in der gegenw&auml;rtigen Kunst nur noch Stil ist, wo keiner mehr ist, w&auml;ren auch Subkulturen zu analysieren. In dieser Weise mit dem Stilbegriff zu arbeiten, hie&szlig;e, nirgends die Homogenit&auml;t der Subkultur und ihrer Ausdrucksformen zu erwarten, sondern gerade in den Fugen ihrer Fragmentierung, in ihrer Kurzlebigkeit und ihrem Augenblickhaften die Restspur von Subversion herauszukristallisieren. Benjamins &raquo;Denken in Konstellationen&laquo;, die Theorie vom dialektischen Bild, w&auml;re hierbei das geeignete Verfahren.</p>
<p>&raquo;Jugend, Jugend! Ein besseres Bannwort h&auml;tten wir f&uuml;r unser Wagnis nicht finden k&ouml;nnen! Darum sehen wir dem Werden mit froher Hoffnung entgegen. Ganz schlecht kann es nicht ausfallen, unser Zeichen ist viel zu gut!&laquo; Diese S&auml;tze waren im programmatischen Vorwort der ersten Nummer der Zeitschrift &rsaquo;Jugend&lsaquo; 1896 zu lesen. Sie passen merkw&uuml;rdig geschichtslos zu etwa folgender &Auml;u&szlig;erung, die sich einhundert Jahre sp&auml;ter publiziert findet: &raquo;Nachdem die Aufkl&auml;rung im Dienste der Gegenwart von Horkheimer und Adorno sich zum &rsaquo;totalen Betrug der Massen&lsaquo; gewandelt hatte, findet die Aufkl&auml;rung der Aufkl&auml;rung als Pop in der Musik der Gettos statt. Der Horizont der Freiheit ist unendlich, und das kleine Licht der DJ-Culture leuchtet immer st&auml;rker und gibt Hoffnung: Kraftsch&uuml;be f&uuml;r den Aufstand.&laquo; Das kann nur schreiben, wer sich taub macht gegen die Euphorie der Jugendbewegungen, die in den Krieg zogen, der nicht sehen will, da&szlig; heute die Jugendlichen den Aufstand nicht am Plattenteller proben, sondern &mdash; die Diagnose der elit&auml;ren Verfasser der &rsaquo;Dialektik der Aufkl&auml;rung&lsaquo; noch in den kalten Schatten stellend &mdash; im Fremdenha&szlig;. Doch ist damit eine andere Diagnose unabwendbar? &raquo;Ende der F&uuml;nfziger wurde sie erfunden. In den Neunzigern wird es Zeit, sich von ihr zu verabschieden: Die Jugendkultur &hellip; Pl&ouml;tzlich funktioniert das Spiel mit den Selbstverst&auml;ndlichkeiten nicht mehr. Warum? Betrachten wir folgende Szene: Baseballkappen h&uuml;pfen auf-und-ab, bedruckte T-Shirts tanzen Slamdance, Flanellhemden rudern zackig mit den Armen, Doc Martens aller Formate finden sich in munter umherkreiselnden Pits. Energie, Power, B&uuml;rgerschreck &mdash; kurz: Jugendkultur at its best! Doch stop! Wir sind nicht bei Faith No More oder Biohazard, sondern im ZDF. &rsaquo;Bonn direkt&lsaquo; zeigt uns Underground unterm Hakenkreuz. St&ouml;rkraft und Klotzkopf gr&ouml;hlen von der B&uuml;hne, und ein jahrzehntelang g&uuml;ltiger Entwurf scheint pass&eacute;.&laquo;</p>
<p>Diejenigen, die wie Dietrich Diederichsen &uuml;ber viele Jahre das Subversionspotential in der Popkultur behauptet haben, haben sich nun in ihrer Resignation mit einem Konglomerat von Easy Listening und politischer Korrektheit eingerichtet. &mdash; Ich habe versucht zu argumentieren, da&szlig; es nicht spitzfindige Kritik w&auml;re, etwa Diederichsen vorzurechnen, da&szlig; die Jugendkultur keineswegs erst &raquo;Ende der f&uuml;nfziger Jahre&laquo; erfunden wurde: der Verweis darauf, da&szlig; sie &uuml;ber einhundert Jahre alt ist und ihre Mechanismen zu den Urmotiven der b&uuml;rgerlichen Epoche zur&uuml;ckweisen, ist mehr als nur Seitennotiz. Das M&auml;rchen vom Dornr&ouml;schen ist noch einmal zu erz&auml;hlen; entweder so, wie Benjamin es vorhatte, da&szlig; die Ohrfeige der Weckruf ist, der durch die Gem&auml;uer des Schlosses hallt &hellip;, oder so: Wir leben in einem Zeitalter, in dem der Realsozialismus gescheitert ist, die Frauenbewegung mit Gleichberechtigung und Quotenregelung abgespeist wurde, der Verkehr mit zur &ouml;kologischen Katastrophe beitr&auml;gt wie zum wachsenden Profit des Kapitals, der Individualismus nur als Tarnbegriff r&uuml;ckhaltloser Konkurrenz der ohnm&auml;chtigen Masse gilt. Was ist aus dem Zeitalter der Jugend geworden? &hellip; Die Jugend ist das Dornr&ouml;schen, das eine Schwester hat, die keinen Namen tr&auml;gt; sie lauert seit Jahren in der Dornenhecke auf den Moment der Begegnung mit dem nahenden Prinzen. Erst in dem Augenblick, wo der Prinz ihr gegen&uuml;bersteht, m&ouml;chte sie entscheiden, ob sie ihn k&uuml;&szlig;t &mdash; oder ihm die Ohrfeige gibt, von deren aufgesparter Kraft so vieler Jahre sie wei&szlig;, um den K&uuml;chenjungen zu r&auml;chen: daf&uuml;r, da&szlig; der Prinz sich einhundert Jahre f&uuml;r die Rettung Zeit l&auml;&szlig;t und versp&auml;tet, will sie keine Entschuldigung gelten lassen.</p>
<p>Ein Text von 1998&#160;&#8211; unver&ouml;ffentlicht<br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/c5b2990beeef565e9eb9a0b57feda4" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/pop-art-deco/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Drei Anmerkungen zur Poplinken &#8211; Maxiversion</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/poplinken/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/poplinken/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2008 16:32:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Art into Life]]></category>
		<category><![CDATA[Fortschritt und Zerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Negative Dialektik]]></category>
		<category><![CDATA[Poplinke]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=132</guid>
		<description><![CDATA[Was unter dem Vorzeichen, dass es keine Linke mehr gäbe, ›links‹ zu Beginn des nächsten Jahrhunderts bedeuten könnte, erzwingt die Frage nach der Zerfallsgeschichte der Linken im 20. Jahrhundert. Was die Linke im 20. Jahrhundert erreicht – oder besser nicht erreicht – hat, verlangt mehr als die geübte Selbstkritik an politischen Strategiefehlern. Dass die Revolution nicht stattfand, lag nicht an der mangelnden Mobilisierung oder an den falschen Parolen. (HH19/2000) 
[<a href="http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/poplinken/">GANZER TEXT</a>]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Vorbemerkung (&#8544;): In der HH19 ist nicht nur eine gek&uuml;rzte Version des eigentlich gemeinten Beitrags erschienen; der beschr&auml;nkte Platz hat auch die urspr&uuml;ngliche Absicht, den Topos der Kultur&#8209; oder Poplinken mehrfach auf seine geschichtlichen Bedingungen hin zu reflektieren, auf die gerade so problematische Selbstreferenzialit&auml;t der Poplinken reduziert. Die Poplinke ist das fortgeschrittene Stadium der Kulturlinken; sie verweist auf die Geschichte, auf die die Kulturlinke mittlerweile zur&uuml;ckblicken kann. &rsaquo;Eine eigene Geschichte/Aus reiner Gegenwart/sammelt und stapelt sich &hellip;&lsaquo; Diese Geschichte lebt allerdings von Selbstbezug und&#160;&#8211;bezeugung, ist &rsaquo;Kulturgeschichte&lsaquo; &ndash; mithin ma&szlig;geblich der Reflex auf die Strukturver&auml;nderungen der Massenkultur und des durch sie vermeintlich bedingten Wandels des Sozialen. Will sagen: die Kulturlinke thematisiert zwar die Gegenw&auml;rtigkeit einer Kulturindustrie, blendet jedoch die Dialektik der Aufkl&auml;rung, die dieses Jahrhundert bezeichnet, aus. Das Soziale und Politische erlebt sie gefiltert durch die Kultur: die abstrakten Mechanismen der Repression werden als solche der Alltagskultur wahrgenommen, aus dem Blickwinkel der Nische in der Popkultur; die konkrete Gewalt &ndash; etwa in Form des Krieges &ndash; wird Thema der Kritik, wenn sie als Ph&auml;nomen des Pop kritisiert werden kann, wo der Krieg bereits als Popereignis erscheint. Durchaus ist die Poplinke sensibel f&uuml;r die historische Gewalt, die auf diesem Jahrhundert lastet; das Verh&auml;ltnis, welches die Poplinke zu ihr gewinnt, ist aber eines von &rsaquo;Interesse&lsaquo; &ndash; nur wo solche Gewalt unmittelbar in den Erfahrungshorizont der Gegenwart hineinreicht, wird sie zur Kenntnis genommen. F&uuml;r eine Gegenwartsdiagnose m&ouml;gen die Konzepte von Normierungsmacht und Kontrollgesellschaft nutzbar sein; um Auschwitz zu denken, fehlt ihnen die Reichweite. So verblasst Vergangenheit zum Geschichtszeichen. Gegen Adornos Diktum aus der &rsaquo;Negativen Dialektik&lsaquo;, wonach alle Kultur nach Auschwitz M&uuml;ll sei, samt der Kritik an ihr, erweist sich Popkultur insgesamt als immun &ndash; sie gilt, gleich ob Mainstream oder Subkultur, als Nachkriegserscheinung, postfaschistisch. Dabei steckt in Adornos Satz der Verdacht, der nicht krude abzuschlagen ist: Pop hat seine Urgeschichte im 19. Jahrhundert (wie der Sp&auml;tkapitalismus &uuml;berhaupt); die soziale Funktion der Kultur als Kitt entfaltete der Nationalsozialismus ebenso gekonnt wie die Massendemokratie. Dass Pop die reine Kultur ist, die Adorno als M&uuml;ll bezeichnete, ber&uuml;hrt Reflexionsebenen, die in der Poplinken nicht vorgesehen sind. &Uuml;berhaupt ist in der Kulturlinken der Begriff &rsaquo;Kultur&lsaquo; so fragw&uuml;rdig wie jener der &rsaquo;Linken&lsaquo;. Er ist n&auml;mlich zun&auml;chst ein b&uuml;rgerlicher, abgezogen vom Verst&auml;ndnis der &rsaquo;affirmativen Kultur&lsaquo;, die sich als Reich des sch&ouml;nen Scheins gegen die harte soziale Wirklichkeit setzt. Nur dass im Pop dieser Schein noch heller strahlt, weit in den Alltag hinein. An der Popkultur interessiert offenbar ihre identifikatorische Kraft, nicht die negatorische Seite der Kultur. Auch deshalb kann die Kulturlinke weitgehend aussparen, dass bereits bei den Fr&uuml;hsozialisten die Kulturfrage selbstverst&auml;ndlich f&uuml;r die emanzipatorische Bewegung als konstitutiv galt (der Rekurs auf Robespierre und den &rsaquo;Wohlfahrtsausschuss&lsaquo; Anfang der Neunziger erscheint bisweilen selbst nur als popistisches Kokettieren mit dem geschichtlichen Problembezug). Es hat sp&auml;rliche Versuche gegeben, Gramscis Kulturtheorie poplinks zu wenden; einige ber&uuml;hren psychoanalytische Kulturtheorien, dann von Lacan inspiriert; heute steht Bourdieu und seine Soziologie der symbolischen Formen hoch im Kurs. Was aber eine linke Kulturpraxis einschlie&szlig;en m&uuml;sste, n&auml;mlich eine utopische Dimension der Kultur, negativ wie prospektiv, und das hei&szlig;t die praktische Entfaltung einer Kultur der Verweigerung als Aufhebung der Kultur, &ndash; das fehlt. Vielmehr besteht zwischen Kultur und Links-Sein so etwas wie eine enharmonische Verwechslung, wird das eine im anderen abgebildet, identifiziert, also gleichgemacht, trotz aller postmodernistischen Rede von der Differenz.</p>
<p>Vorbemerkung (&#8545;): &rsaquo;Ein Werk, das die richtige Tendenz aufweist, braucht keine weitere Qualit&auml;t aufzuweisen. Man kann auch diskretieren: ein Werk, das die richtige Tendenz aufweist, muss notwendig jede sonstige Qualit&auml;t aufweisen.&lsaquo; Letztere Position sagt: Der blo&szlig; politische Popsong reicht mitnichten. Der Autor dieses Zitats meinte beileibe keine Popmusik, sondern politische Dichtung; Walter Benjamin griff mit diesen S&auml;tzen eine zentrale Figur der damaligen kulturpolitischen Debatte auf, kristallisert im Begriff der Tendenz &ndash; heute k&ouml;nnte man Parteinahme sagen. Es ging um Form, Inhalt und die dialektische Vermittlung von beiden; es ging um Fortschritt in der Kunst und eine Auseinandersetzung mit der b&uuml;rgerlichen Kultur; es ging um die Formulierung einer neuen Kultur und die Reflexion auf die soziale Stellung der K&uuml;nstler, eine Kritik der kulturellen Produktionsbedingungen und&#160;&#8211;verh&auml;ltnisse. &ndash; Die urspr&uuml;ngliche &Uuml;berschrift des Beitrags sollte nach einem Satz von Benjamin lauten: &rsaquo;Poplinks hatte noch alles sich zu entr&auml;tseln &ndash; Der Hedonismus und die Avantgarde.&lsaquo; Benjamin hatte 1930 folgendes allegorische &rsaquo;Denkbild&lsaquo; entworfen: &rsaquo;Die linken V&ouml;gel behielten gegen den Grund des erstorbenen Himmels etwas von ihrer Helle, blitzten mit jeder Wendung auf und unter, vertrugen oder mieden sich und schienen nicht aufzuh&ouml;ren, eine ununterbrochene, unabsehbare Folge von Zeichen, ein ganzes, uns&auml;glich ver&auml;nderliches, fl&uuml;chtiges Schwingengeflecht &ndash; ein lesbares &ndash; vor mich hinzuweben. Nur dass ich abglitt, um mich stets von neuem bei den andern zur&uuml;ckzufinden. Hier stand mir nichts bevor, nichts sprach zu mir &hellip; Links hatte noch alles sich zu entr&auml;tseln, und mein Geschick hing an jedem Wink &hellip;&lsaquo; Das stand zun&auml;chst als Motto da, ebenso wie die Zeilen aus Blumfelds &rsaquo;So lebe ich&lsaquo;: &rsaquo;&hellip; Ein freier Markt bewegt die Welt/besetzt die Nischen/&hellip;/regiert die Nacht/verteilt das Geld/Ein Widerstand mit andern Mitteln/&hellip;/Im Showgesch&auml;ft Gef&uuml;hle zeigen/Ein Protestsong von Geisterhand &hellip;&lsaquo; Und Schlagzeuger Andre Rattay sagt: &rsaquo;Links ist da, wo die Hi-Hat steht.&lsaquo;</p>
<p>1. Die besseren Partys</p>
<p>&rsaquo;Hier also, in dem Reiche des &auml;sthetischen Scheins, wird das Ideal der Gleichheit erf&uuml;llt, welches der Schw&auml;rmer so gern auch im Wesen nach realisiert sehen m&ouml;chte.&lsaquo; Friedrich Schiller, &rsaquo;&Uuml;ber die &auml;sthetische Erziehung des Menschen &hellip;&lsaquo;</p>
<p>Was unter dem Vorzeichen, dass es keine Linke mehr g&auml;be, &rsaquo;links&lsaquo; zu Beginn des n&auml;chsten Jahrhunderts bedeuten k&ouml;nnte, erzwingt die Frage nach der Zerfallsgeschichte der Linken im 20. Jahrhundert. Was die Linke im 20. Jahrhundert erreicht &ndash; oder besser nicht erreicht &ndash; hat, verlangt mehr als die ge&uuml;bte Selbstkritik an politischen Strategiefehlern. Dass die Revolution nicht stattfand, lag nicht an der mangelnden Mobilisierung oder an den falschen Parolen. Dass die Revolution nicht stattfand, lag vor allem &ndash; freilich von der &Uuml;bermacht des Feindes, den es zu besiegen galt, abgesehen &ndash; an einer Linken, die Nationalismus, Rassismus, Antisemistismus und Sexismus in den eigenen Reihen zulie&szlig;. Kurzum, obwohl das 20. Jahrhundert, angefangen mit dem sozialistischen Gro&szlig;experiment der Oktoberrevolution, im Zeichen der Linken &ndash; und das hei&szlig;t Humanisierung &ndash; der Welt zu stehen scheint, zeigt sich im R&uuml;ckblick, wie sehr oft genug die Linke ihr Gegenteil war.</p>
<p>Damit ist &uuml;brigens besonders die deutsche Linke hervorgetreten, bis hin zu ma&szlig;geblichen Wortf&uuml;hrern der 68er, die sich mittlerweile als Neue Rechte bekennen, nebst Zusatz, nie etwas anderes gemeint zu haben. &ndash; Die sogenannte Pop&#8209; oder Kulturlinke glaubte als politischen Fehler der Linken die Politik selbst zu erkennen und meinte die Politik zugunsten der Popkultur verwerfen zu k&ouml;nnen. Schon als Konzept einer immanenten Kritik der Linken ist das fraglich; derart allerdings doch wieder politische Kritik an der Rechten zu deklarieren, verkommt dies Konzept zur Trag&ouml;die (die Punkbewegung bis zur APPD) oder zur Farce (Schlingensiefs Versuch, mit Horst Mahler das b&uuml;rgerliche Theater zu dekonstruieren). Dar&uuml;ber hinaus liegt der Kulturlinken der doppelt merkw&uuml;rdige Befund zugrunde, wonach die traditionelle Linke keine ad&auml;quate Auseinandersetzung mit dem &rsaquo;kulturellen Feld&lsaquo; kannte, und die Politik sich dort einholen lie&szlig;e, wo die Politik des Sozialen sich in Kultur aufl&ouml;st &ndash; wenn alles Pop wird, dann ist poplinks auch politisch; und wenn Pop das Gemisch aus Party, Musik und Sex ist, dann proklamiert poplinks die besseren Parties, die bessere Musik, den besseren Sex. Diejenigen &ndash; wie etwa Diedrich Diederichsen &ndash;, die das als Konsens der Linken definiert haben wollten, nivellierten die Linke damit als Konkurrenzunternehmen zur Rechten, im Sinne des Attraktivit&auml;t, des Indentifikationsangebots f&uuml;r Jugendbewegungen. So betreibt man Jugendzentren, aber keine emanzipatorische Praxis.</p>
<p>Die Ablehnung der Politik zielte vor allem gegen die Lustfeindlichkeit der K-Gruppen und der Autonomen. Statt das Private zum Politischen zu machen, sollte die Politik privat werden: mit Hilfe postmoderner Versatzst&uuml;cke schrieb sich die Kulturlinke fast unbemerkt die modernsten Ziele auf ihre Fahnen: das autonome b&uuml;rgerliche Individuum. In der Wahrnehmung der Gesellschaft als vorrangig kulturelle, popistische Gro&szlig;veranstaltung reicht der subversive Widerstand des Individuums gegen die &rsaquo;Kontrollgesellschaft&lsaquo; (Gilles Deleuze), wie Mark Terkessidis und Tom Holert es vertreten, allerdings tats&auml;chlich nicht weiter als zur Beurteilung, ob man gerade auf der besseren Party ist oder nicht. Die Partykultur wird jedoch nicht zur materiellen Gewalt, sobald sie die Massen ergreift; ihr fehlt die Solidarit&auml;t, die sich nicht durch eine neue Freundlichkeit ersetzen l&auml;sst, wie Diederichsen es in der &rsaquo;Beute&lsaquo; vorschlug (Neue Folge, Heft 1, S.&#160;37 ff.). Freundlichkeit macht den Konkurrenzdruck der Individuen ertr&auml;glicher, bleibt aber die moralische Schuld der eigenen Generation. Dagegen verlangt Solidarit&auml;t, nach einem Satz Benjamins, den &ndash; &uuml;brigens unmoralischen &ndash; Kampf f&uuml;r das Recht der vergangenen Generationen. Das meint, eine Position zu entwickeln, die sich dar&uuml;ber bewusst ist, dass auch die besseren Parties nach wie vor im &rsaquo;Zeitalter des Exterminismus&lsaquo; (Edward P. Thompson) statt finden.</p>
<p>2. Die bessere Musik</p>
<p>Eine Frau wird verhaftet, weil sie Slimes &rsaquo;Deutschland mu&szlig; sterben&lsaquo; &ouml;ffentlich abspielt, w&auml;hrend Atari Teenage Riot ihre Hardcoretechno-Coverversion desselben St&uuml;ckes im Musikfernsehen pr&auml;sentieren. Die Kulturindustrie verwandelt sich in Reklame f&uuml;r die Welt, so wie sie ist. Als Verwaltungsapparat der Warengesellschaft ist ihre sch&auml;rfste Waffe die Integration: wo Subversion und Protest nicht selbst bereits lancierte Produkte sind, wird Widerstand zu Werbestrategien, zu Accessoires der jeweils neuesten Moden. Die repressive Toleranz (Herbert Marcuse) macht Ideale und Mode synonym, solange die Ideale eine Frage der Form bleiben. Der poplinke Standpunkt des besseren Geschmacks verteidigt die Ideale als Formfrage, auch indem &uuml;berhaupt das Problem des Widerspruchs von Form und Inhalt ausgespart wird &ndash; die Kulturlinke ist damit nicht nur nicht gesellschaftskritisch, sondern streng genommen nicht einmal kulturkritisch. In den Neunzigern gelang es zwar, Anspr&uuml;che auf die Massenkultur durchzusetzen, und mit HipHop, House, Drum &rsquo;n&rsquo; Bass und Techno wurde den Verh&auml;ltnissen ihre eigene Melodie vorgespielt &ndash; die kulturelle Hegemonie wurde jedoch nicht durchbrochen, sondern verschoben: Der &rsaquo;Club der kulturell Verunsicherten&lsaquo; in der Roten Flora taugt als poplinke Veranstaltung so viel und so wenig wie dieselbe Veranstaltung, die jetzt unter dem Namen &rsaquo;Klub K&amp;N&lsaquo; firmiert.</p>
<p>Die Reflexion auf den Inhalt ist eine historische. Die Kulturlinke operierte blo&szlig; kulturell historisch, indem sie die musikalischen Formen der Kulturindustrie vergangener Jahrzehnte nutzbar machte: Disco und den Pop der Achtziger; sie versagte als Linke, wo sie die musikalischen Inhalte vergangener Jahrzehnte als unmodern-unmodisch (&rsaquo;unsexy&lsaquo;) ablehnte oder delegierte: Die Frauen in der Musikgeschichte sind ein Spezialgebiet f&uuml;r Feministinnen, die experimentelle Musik um R.I.O. (&rsaquo;Rock in Opposition&lsaquo;) etwas f&uuml;r Jazzfreunde, die Neue Musik etwas f&uuml;r Musikexperten. Die Erbaulichkeit der Popmusik, die die Kulturlinke entdeckte, bemi&szlig;t sich an der ganz und gar zeitgem&auml;&szlig;en Frage, was wieder geht. Der Kulturindustrie in Sachen Trendforschung unter die Arme zu greifen, bestimmt aber keine linke Position. Statt dessen ginge es um die radikale Negation, um die Frage, was nicht mehr geht. In diesem Sinne verlangen die gl&uuml;cklichen Momente ein Sich-Abarbeiten, nicht die simple Affirmation des hedonistischen Genie&szlig;ens: Cpt. Kirk &amp;, Br&uuml;llen, TGV, Knarf Rell&ouml;m Ism, Die Patinnen, Die Goldenen Zitronen, Die Braut &hellip; und dergleichen &ndash; als wenn &uuml;ber diese Musik das Verdikt verh&auml;ngt wurde, dass sie links ist, weil auch links draufsteht, wird die Diskussion ausgespart, die sie doch gerade provoziert. Nicht dass es nicht solche Diskussionen im kleinen Zirkel gibt: gerade die Genannten sind als Theoretiker ihrer eigenen Praxis am Werk (dies zumindest ab und zu in der Kneipe). Theorie durchbricht allerdings selten die Repr&auml;sentationslogik, reflektiert nach Au&szlig;en nur symbolisch den Distinktionsgewinn. Aus der Repr&auml;sentationslogik des diskursiven Spiels ist durchaus eine Waffe zu machen; Knarf Rell&ouml;m etwa insistiert auf &rsaquo;Punk als Haltung&lsaquo; und operiert musikalisch an der Front: Der operative Umgang mit dem Material erinnert an Tretjakow, die Musik ist gleichsam &rsaquo;episches Theater&lsaquo;, pr&auml;sentiert den &rsaquo;offenen B&uuml;hnenraum&lsaquo;, also Freilegung der Produktionsbedingungen, als wenn es um die &Uuml;bersetzung Brechtscher Ideen vom Gestischen ginge: und bei Knarf Rell&ouml;m Ism Unterhaltung funktioniert nur politisch (wenn sie auch streitbar bleibt, so wie Alexander Diehl einwarf, dass &rsaquo;Hey Everybody&lsaquo; auf &rsaquo;Fehler ist King&lsaquo; mit der Zeile &rsaquo;Das war kein Sozialismus/Das war Spie&szlig;erkram &hellip;&lsaquo; den politischen Song durchs Gimmick zu depotenzieren droht).</p>
<p>Gemeint ist die Diskussion &uuml;ber die alte Frage, was Kunst wie und wann politisch macht. Diese Frage ist eine des Materials wie des Gehalts; die Kulturlinke hat inmitten ihrer Postmodernisierungsstreitereien zwischen K&ouml;ln, Berlin und Hamburg entschieden, allein schon die Frage als &rsaquo;platten Materialismus&lsaquo; zu diffamieren, um statt dessen das Problem als Repr&auml;sentationskritik popdiskursiv abzuschieben. Doch zwischen der politischen und der k&uuml;nstlerischen Avantgarde ist die Vermittlung nicht ein diskursives Problem, sondern mindestens eines der politischen und &auml;sthetischen Praxis. Isabelle Graw, Christoph Gurk, Andreas Fanizadeh und andere haben die Elaborate und das Programm der Gruppe &rsaquo;Kunst und Kampf&lsaquo;, die Bernd Langer in seinem Buch &rsaquo;Kunst als Widerstand&lsaquo; vorgestellt, zu Recht als k&uuml;nstlerische wie politische Unzumutbarkeiten abgelehnt, die zwischen reaktion&auml;rem Kunstverst&auml;ndnis und M&auml;nnerphantasien schwanken. Das Gegenkonzept gegen die falsche Unmittelbarkeit, bei der der Kapitalist noch das Schwein mit Zylinder ist, reicht jedoch nicht weiter als zur Verteidigung der Abstraktion. So gleichen sich schlie&szlig;lich die diametralen Positionen in der Naivit&auml;t, mit der einmal eine offenbar unbegriffene Frage nach dem Zusammenhang von Kunst und Politik beantwortet sein will, und mit der sie auf der Gegenseite mit der &Auml;sthetik des Abstrakten als unbeantwortbar annulliert wird. Solche Naivit&auml;t ist nicht ungef&auml;hrlich, wenn die falsche Unmittelbarkeit auf die begrenzte Abstraktions&auml;sthetik trifft &ndash; man kann sich &uuml;ber den heimlichen &rsaquo;Die Kunst dem Volke&lsaquo;-Stalinismus von Bernd Langer und der G&ouml;ttinger Antifa/M. beschweren, oder die Selbstverliebtheit der linken &Auml;stheten um &rsaquo;Texte zur Kunst&lsaquo; bel&auml;cheln; dass Politik in Kunst dann doch transformierbar ist, l&auml;sst man sich derweil von Euthanasie-Bef&uuml;rworter und DJ Chris Korda begeistert vorf&uuml;hren (&rsaquo;Zu guter Letzt ist der Kampf gegen die Menschheit auch der Kampf gegen den Kapitalismus,&lsaquo; schreibt Ted Gaier in einem Artikel &uuml;ber Chris Korda, der f&uuml;r die &rsaquo;Testcard 8&lsaquo; vorgesehen ist &ndash; solche kalkulierte Dummheit ist zu diskutieren, und dann kann ja noch immer gefragt werden: &rsaquo;Was ist romantisch f&uuml;r Ted Gaier?&lsaquo;).</p>
<p>Noch ein Versuch: &rsaquo;Das dominierende &auml;sthetische Programm der radikalen Linken kennt kein Patagonien, die Bowlingbahn nur als verleugnetes oder heimliches Vergn&uuml;gen.&lsaquo; Das, so Fanizadeh weiter in seinem Beitrag (&rsaquo;Beute&lsaquo;, Neue Folge, Heft 1, S.&#160;122 f.), zeige sich etwa an der Gruppe &rsaquo;Kunst und Kampf&lsaquo; um Bernd Langer. Zu einem eventuell &rsaquo;produktiven Missverst&auml;ndnis&lsaquo; sei es gekommen, als die Gruppe zum Soli-Abend &rsaquo;die Hamburger Kamerun-Band [einlud], deren heterogener, ironischer und br&uuml;chiger Stil das genaue Gegenprogramm zur eigenen Homogenisierungstaktik ist&lsaquo; (S.&#160;125). Gleichwohl kann eben das auch bezweifelt werden: Es ist zu vermuten, dass etwa in der unsensiblen, unmusikalischen Perspektive von Kunst als Widerstand, die Erkl&auml;rung der Welt in Stereotypen dann musikalisch genau so funktioniert, wie ihnen die Goldenen Zitronen klingen. Was Fanizadeh als den heterogenen, ironischen und br&uuml;chigen Stil der Goldenen Zitronen ausmacht, ist ja eben nicht einer &Auml;stehtik des Materials geschuldet, sondern des &rsaquo;anvisierten Kontextes&lsaquo; (Isabelle Graw). Kontextualisierung vermag aber h&ouml;chstens, die eigene Haltung zur Kunst &ndash; zur Popkultur &ndash; zu objektivieren; damit l&auml;sst sich freilich leicht urteilen, die Goldenen Zitronen seien &auml;sthetisch br&uuml;chiger als &rsaquo;Kunst und Kampf&lsaquo; &ndash; aber um das festzustellen, braucht man eigentlich nur den krudesten Kunstbegriff, um zu merken, dass hier sowieso jenseits aller Kategorien und Reflexion von Kunst die Rede ist. Interessanter ist da doch Kameruns neuestes (Solo)-Projekt, seine ungef&auml;hr zehn-min&uuml;tige Trashtechnoshow unter dem Namen Sylvesterboy, mit Boxershort, R&ouml;merhelm, US-Flagge als Cape, Plastikschwert. W&auml;hrend beim 1999-S.O.S.-(Struggle of Students)-Konzert in der Fabrik mit EinsZwo und Blumfeld Sylvesterboy allgemein und im Besonderen (&rsaquo;Free Mumia!&lsaquo;) auf Zustimmung stie&szlig;, begegnete das Publikum beim (ersten) Tocotronic-Konzert im Docks Kameruns Showeinlage mit Unverst&auml;ndnis, mit Pfiffen und Bierbecherw&uuml;rfen Richtung B&uuml;hne. Freilich sind solche Reaktionen kalkuliert oder provoziert, geh&ouml;ren zum Spiel der Kontextualisierung. Als gemeinte Selbstironisierung ist das unproblematisch, gerade weil das Politische different gehalten wird &ndash; wenn es um politisch ernsthafte Strategien von Empowerment oder Dekonstruktion geht, etwa in offensiv feministischer Musik, geraten Versuche material&auml;sthetischer Bestimmungen fast zwangsl&auml;ufig zur bodenlosen &Uuml;berinterpretation. Den Zusammenhang von Kunst und sozialem Kontext immer wieder neu zu bestimmen, bleibt als rein deskriptives Unterfangen bedeutungslos; kulturlinks w&auml;re aus solchen Erfahrungen die Kultur (respektive Kunst) best&auml;ndig neu zu bestimmen &hellip;</p>
<p>3. Der bessere Sex</p>
<p>&hellip; und das will meinen: Wo der Linken die Kultur wichtig ist, fragt sie nach deren Funktion, nach der Stellung der Kulturproduzenten; sie versteht dies als operativen Eingriff gegen die bestehenden Verh&auml;ltnisse und f&uuml;r diejenigen, die sich dagegen wehren. Kontextualisierung hei&szlig;t in dieser Hinsicht, die Konstellation von Kunst (Kunstwerk wie&#160;&#8211;konzept; Material), Produzent und Rezeption (Publikum, Konsum, Genuss) als fortw&auml;hrenden Prozess der Diskussion zu begr&uuml;nden &ndash; als Selbstverortung. Der Subjektivismus der Kulturlinken kennt diese Selbstverortung scheinbar nur als monologisches Prinzip zwischen Produkt und Produzent; das Publikum ist in die Beobachtungsposition zur&uuml;ckaffirmiert worden &ndash; auch wenn diese oder jene Band dem Publikum nicht schmeckt, wird weiterhin weiterhin eine Art Publikumslinke supponiert. Doch zu den Mobilisierungskonzerten von Blumfeld, Tocotronic, Superpunk, TGV etc. f&uuml;r die Demonstrationen gegen den Bergedorfer Naziaufmarsch 1999 sind die meisten wohl gekommen, um schlicht die Musik zu h&ouml;ren. Freilich sind ein Dreitausenderpublikum zu solchem Zweck f&uuml;r ein antifaschistisches &Ouml;ffentlichkeitsbild besser als nur die sp&auml;rliche Sechshunderterdemonstration; dennoch stehen hier Probleme an, die mit dem Konzept der Kulturlinken unmittelbar zu tun haben. Die Kulturlinke kennt n&auml;mlich keine Bewegung; ihr Adressat ist ein Publikum, welches zun&auml;chst offenbar genauso konsumiert wie das verschm&auml;hte Mainstreampublikum; auch poplinks verlangt man Unterhaltung und nicht Rechenschaft &uuml;ber Produktionsbedingungen. Man m&ouml;chte Spa&szlig;, und fast scheint es, als seien es Minderheiten, die sich wenigstens dar&uuml;ber freuen, wenn ihnen der Spa&szlig; von Linken verabreicht wird. Das f&uuml;hrt, in einem kleinen Umweg, den aber die Poplinke selbst ausgeschildert hat, nun zum dritten Postulat vom besseren Sex. Die Kulturlinke versprach, dass die Warengesellschaft nur lustvoll abgeschafft werden kann; geeinigt hat man sich wohl darauf, dass diese Gesellschaft nicht abgeschafft zu werden braucht, solange sie ein bisschen &rsaquo;Sexiness&lsaquo; zul&auml;sst.</p>
<p>Es wird behauptet &ndash; nicht nur von Poplinken, sondern auch von liberal gesinnten Anw&auml;lten der popul&auml;ren K&uuml;nste &ndash;, in den (post&#8209;) modernen Formen der Massenkultur schaffe sich ein neuer, lustvoller K&ouml;rper Raum; gegen die k&ouml;rperfeindliche Gesellschaft, die das Begehren und die L&uuml;ste aussperre, habe sich jenseits des Mainstream Orte und Inseln der subversiven K&ouml;rperpraxis gebildet: das alte Programm der k&uuml;nstlerischen Avantgarde, die die Grenze zwischen Leben und Kunst aufheben wollte, realisiere sich nicht in der &auml;sthetischen Rationalit&auml;t der b&uuml;rgerlichen Kunst, sondern in einer &auml;sthetischen Befreiung &rsaquo;reiner Praxis&lsaquo;, die keine &rsaquo;Theorie&lsaquo; (also keine &rsaquo;Schau&lsaquo;, keine &rsaquo;Reflexion&lsaquo;, keinen &rsaquo;Geist&lsaquo;) brauche.</p>
<p>Die Idee der Befreiung, die die Kulturlinke an den K&ouml;rper bindet, macht den Sex, die Erotik, die Lust selbst, zum Fassadenph&auml;nomen, zum Accessoire der jeweiligen Mode. &rsaquo;Sexiness&lsaquo;, als poplinke Leitfigur nicht umsonst von heterosexuellen M&auml;nnern als Kampfbegriff in den Diskurs eingef&uuml;hrt, hat nur insofern mit Foucault (auf den man sich in dieser Hinsicht beruft) zu tun, als dass &uuml;ber Sex nicht gesprochen wird: man zeigt seinen Sex, stellt sich zur Schau, repr&auml;sentiert den sexualisierten K&ouml;rper. Die lustvolle Politik, die sich in den sexualisierten K&ouml;rpern ent&auml;u&szlig;ert, ist bemerkenswerter Weise gegen&uuml;ber der Sexualit&auml;t, ihrer Repression, ihrer Tabus, ihrer Perversionen und Gewalt, neutral, na&iuml;v. Die Realit&auml;t von Homophobie und Sexismus innerhalb der Popkultur, aber auch die &uuml;bliche Verklemmtheit, die Angst, die sexuellen Mythen werden von den B&uuml;hnen der sexualisierten Popk&ouml;rper verdr&auml;ngt; gleichwohl kann &rsaquo;das Sexuelle&lsaquo; ein Zeichen auf der Inszenierungsfl&auml;che der K&ouml;rper sein, solange die Rollenverteilung klar bleibt (nur wer als Lesbe erkennbar ist, darf sich als Lesbe zu erkennen geben; sein perverses Begehrens darf zeigen, wer als &rsaquo;pervers&lsaquo; erkennbar ist, zum Beispiel als schwul; die K&uuml;nstlerin erlaubt sich Libertinage und die Hetenbeziehung die Zwangsmoral.</p>
<p>An ihren &auml;u&szlig;erten Punkten widerf&auml;hrt den K&ouml;rpern doch noch der theoretische Zugriff: die Rede ist von der Dekonstruktion der Geschlechter. Vorerst scheint das ein theoretisches Projekt zu bleiben, jedenfalls ist schwer vorstellbar, dass sich die Aufl&ouml;sung der Geschlechter anders als blo&szlig; spielerisch gegen die Verh&auml;rtungen der K&ouml;rper durchzusetzen vermag. Vielleicht ist die Geschlechterdekonstruktion die krudeste Deckung der herrschenden Ideologie; vielleicht ist sie aber auch die einzige Praxis, an der eine radikale Poplinke sich entfalten k&ouml;nnte.</p>
<p>Es geht nicht um die Verteidigung eines &rsaquo;wahren&lsaquo; oder &rsaquo;echten&lsaquo; Sexes, eigentlich nicht einmal um die Verteidigung der Erotik (ein Wort, womit man sich im sexy Popdiskurses schnell mal l&auml;cherlich machen kann). Wer mich kennt, wei&szlig; dass ich am wenigsten geeignet bin, &uuml;ber solche Fragen mich zu &auml;u&szlig;ern; diese Anmerkung zum &rsaquo;besseren Sex&lsaquo; soll eher eine doppelte Verwunderung ausdr&uuml;cken: Weshalb im Namen des Sexes eine sexualisierte Kultur im Sinne einer entsinnlichten Politik unterst&uuml;tzt wird; weshalb &rsaquo;Sexiness&lsaquo; also ausgerechnet dort sein soll, wo am wenigstens Schwei&szlig;, Gestank, Z&auml;rtlichkeit, Ficken ist? Und: Weshalb &uuml;berhaupt im Namen des Sexes eine linke Kultur proklamiert wird, wo doch &ndash; folgt man Freud &ndash; entweder der Sex als die Sexualit&auml;t nur die verdr&auml;ngte Form der Lust ist, oder aber als Lust selbst von eben der Kultur zur Versagung gewungen wird? Es scheint, als sollte das Lustprinzip befreit werden, ohne das Realit&auml;tsprinzip &uuml;berhaupt in Frage zu stellen. So wie die Linke mit der Kultur von der Politik befreit werden sollte, ohne die Gesellschaft in Frage zu stellen.</p>
<p>Nachbemerkung (&#8544;): Links bleibt der kategorische Imperativ, den Marx in der Einleitung &rsaquo;Zur Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie&lsaquo; formulierte: &rsaquo;&hellip; alle Verh&auml;ltnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein ver&auml;chtliches Wesen ist.&lsaquo; Dies ist die Haltung, die die Kulturlinke als moralische Position vereiteln will; sie ist aber nur wirksam wie glaubhaft als Haltung, sofern sie auf der kritischen Theorie der gesellschaftlichen Praxis sich gr&uuml;ndet. Marcuse hat in den sechziger Jahren von den zwei sich entgegenstehenden Hypothesen gesprochen: 1. die bestehende Gesellschaft verhindert ihre qualitative &Auml;nderung; 2. dennoch sind Kr&auml;fte vorhanden, die dies durchbrechen und &rsaquo;die Gesellschaft sprengen&lsaquo; k&ouml;nnten. Man mag dar&uuml;ber diskutieren, ob diese Hypothesen auch heute noch begr&uuml;ndet sind (und ich meine: ja, erst recht heute); sie markieren jedoch die gegenw&auml;rtigen Defizite der (Kultur&#8209;) Linken: stand bisher die Linke selbstverst&auml;ndlich auf der Seite der ver&auml;ndernden Kr&auml;fte, so hat sich unter dem Vorzeichen der Kulturlinken ein radikaler Wandel vollzogen; mit ihren Programmen ist die Kulturlinke in die Defensive gerutscht und hat sich zum Teil sogar zur F&uuml;rsprecherin der bestehenden Verh&auml;ltnisse gemacht. Man muss die kritische Theorie nicht neu erfinden, um den kategorischen Imperativ von Marx zu begr&uuml;nden; es braucht allerdings eine gewisse Beharrlichkeit im Grundsatz des Kommunismus, dass diese Welt nicht die beste aller m&ouml;glichen ist &ndash;.</p>
<p>Roger Behrens<br />
[Dieser Text erschien in einer gek&uuml;rzten Version 2000 in der HH19 (mittlerweile eingestellt)]<br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/d322e6c5d2c9106ae4be611dbbf8fd" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/poplinken/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Aus dem Paralleluniversum des Progressivrock</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/paralleluniversum/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/paralleluniversum/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 23 Nov 2008 16:20:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Roger Behrens</dc:creator>
				<category><![CDATA[Rezensionen]]></category>
		<category><![CDATA[Fortschritt und Zerfall]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Musik]]></category>
		<category><![CDATA[Musikindustrie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=130</guid>
		<description><![CDATA[<strong>Zum dreißigsten Bandjubiläum touren Yes einmal wieder in neuer Besetzung</strong>

Den meisten Hörern bedeutet die Gruppe Yes heute nicht mehr als ein Kuriosum. Einst als Superband des Progressivrock angesehen, werden sie heute hauptsächlich noch als Produzenten schrecklichen Kitsches erinnert - oder als begnadete Virtuosen. [<a href="http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/paralleluniversum/">GANZER TEXT</a>]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Zum drei&szlig;igsten Bandjubil&auml;um touren Yes einmal wieder in neuer Besetzung</strong></p>
<p>Den meisten H&ouml;rern bedeutet die Gruppe Yes heute nicht mehr als ein Kuriosum. Einst als Superband des Progressivrock angesehen, werden sie heute haupts&auml;chlich noch als Produzenten schrecklichen Kitsches erinnert&#160;&#8211; oder als begnadete Virtuosen. Dies ist freilich vor allem dem exzentrischen Auftreten des Keyboarders Rick Wakeman zu danken. Tats&auml;chlich folgten die vermeintlichen Soli schon immer einem strengen Arrangement; Improvisationen irgendeiner Art waren in der Musik von Yes kaum jemals vorgesehen. Gerade die Keyboards wurden stets zur&uuml;ckhaltend, zwar tragend, aber selten melodief&uuml;hrend eingesetzt. Und der gr&ouml;&szlig;te Hit der Gruppe, »Owner of a Lonely Heart«, war ein stilistisch &auml;u&szlig;erst untypischer Popsong, der 1983 von Trevor Horn zum Erfolgsschlager zurechtproduziert wurde&#160;&#8211; zu einer Zeit, als der sonst pr&auml;gende Wakeman der Band gar nicht angeh&ouml;rte.</p>
<p>Denn ein st&auml;ndiger Personalwechsel hat das Erscheinungsbild von Yes immer gepr&auml;gt. Insgesamt kommt man auf vierzehn Musiker, die irgendwann einmal dazugeh&ouml;rt haben. Auch zum drei&szlig;igj&auml;hrigen Jubil&auml;um tourt die Band jetzt nicht nur mit neuem Tontr&auml;ger, sondern auch in einer neuen Besetzung: Chris Squire (Bass), Jon Anderson (Gesang), Steve Howe (Gitarre), Alan White (Schlagzeug) treten mit Billy Sherwood (Gitarre) und Igor Khoroshev (Keyboards) am heutigen Abend in der Columbiahalle auf. Die Versuche, ein Massenpublikum zu erreichen, hat die Band inzwischen jedoch wieder aufgegeben. Mit den beiden Doppel-CDs »Keys to Ascension« pr&auml;sentierten sie im letzten Jahr noch einmal ihr Repertoire aus den Siebzigern, von »Roundabout« &uuml;ber »Close to The Edge« bis »Awaken«. Diese Werkperiode ist bei den alten Fans zweifellos am beliebtesten. Wohl deswegen versucht auch das neue Konzeptwerk »The Ladder« &#8211;&#160;benannt nach einem Lennon/Ono-Album&#160;&#8211;, an alte Muster progressiver Rockmusik anzuschlie&szlig;en. Die St&uuml;cke sind wieder l&auml;nger geworden und f&uuml;llig instrumentiert. Zwar gibt es ein paar Weltmusik-Phrasen und es werden Bl&auml;ser eingesetzt, doch glaubt man beim H&ouml;ren, Yes h&auml;tten gerade jene musikalischen Entwicklungen vers&auml;umt, die sie selbst dereins inspirierten: Igor Khoroshev hat sich mit seinen Vorlieben f&uuml;r die Chemical Brothers und den Big Beat nicht durchsetzen k&ouml;nnen.</p>
<p>So bleibt das Innovativste ein spr&ouml;der Technoremix von »Owner of a Lonely Heart« (auf der 1999 ver&ouml;ffentlichten Doppel-CD »Friends and Relatives«). Ob dergleichen im Konzert zu h&ouml;ren sein wird, ist fraglich&#160;&#8211; wahrscheinlich wird »The Ladder« pr&auml;sentiert, sicher werden den Fans einige der klassischen Rockepen geboten: Eine gute Gelegenheit immerhin, noch einmal nachzuvollziehen, was den Reiz dieser Musik einst bestimmte&#160;&#8211; und weshalb das Unzeitige, fast Regressive sich gerade in den Art&#8209; und Progressivrock-Anspr&uuml;chen immer schon paradox eingeschlossen hat.</p>
<p>Man kann darin leicht Parallelen zur Sp&auml;tromantik wie zum Neoklassizismus erkennen. Beiden Epochen sind Yes geistig verbunden: Es ist kein Zufall, dass sie ihre Konzerte gern mit dem Finale aus Strawinskys »Feuervogel« er&ouml;ffnen. Yes kultivieren eine Melange aus Wiedert&auml;ufertum, Illusionismus und Gr&ouml;&szlig;enwahn&#160;&#8211; christliche Mystik umrahmt ein Geflecht aus musikalischen Einf&auml;llen und Klangeffekten. Selbst die Zwanzigminutenst&uuml;cke gebrauchen in ihren zentralen Passagen nicht mehr als drei oder vier Akkorde. Und trotzdem hat keine andere Band so perfekt das Paralleluniversum einer vollst&auml;ndigen popkulturellen Utopie errichtet&#160;&#8211; einschlie&szlig;lich der bizarren Fantasielandschaften, die nach wie vor die CD-H&uuml;llen zieren.</p>
<p>Yes: The Ladder (Eagle Rec.); Friends and Relatives (Eagle Rec.); Keys to Ascension 1&#160;&#38;&#160;2 (Castle Com.); Something s Coming&#160;&#8211; The BBC-Recordings 1969&#8211;1970 (New Millennium Com.) Konzert: heute Abend um 20 Uhr in der Columbiahalle</p>
<p>Bandbiografie: Chris Welch: Close to The Edge. The Story of Yes. Omnibus Press, London 1999.&#160;280 S., 62,80 Mark</p>
<p>Roger Behrens | Artikel erschienen in der Berliner Zeitung, 16. M&auml;rz 2000<br />
<img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/c761273ced95e3077ae617c5426a2a" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/rezensionen/paralleluniversum/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Autonomes Krisengebiet</title>
		<link>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/autonomes-krisengebiet/</link>
		<comments>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/autonomes-krisengebiet/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 07 Feb 2008 08:57:05 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Sebastian</dc:creator>
				<category><![CDATA[Artikel]]></category>
		<category><![CDATA[Jungle World]]></category>
		<category><![CDATA[Krise]]></category>
		<category><![CDATA[Musikindustrie]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://www.rogerbehrens.net/?p=19</guid>
		<description><![CDATA[Ob die Musikindustrie durch ihre Verluste wirklich in die Krise geraten ist, ist eine Frage. Die andere ist, ob der Verlust der Autonomie der Musik zu einer Krise der Musik selbst geführt hat. (Jungle World 6/2008)]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Ob die Musikindustrie durch ihre Verluste wirklich in die Krise geraten ist, ist eine Frage. Die andere ist, ob der Verlust der Autonomie der Musik zu einer Krise der Musik selbst gef&uuml;hrt hat.</strong></p>
<p>Die Rede von einer Krise der Musikindustrie bezieht sich auf ein ganz bestimmtes Segment der Kulturwarenproduktion, &uuml;ber das sich die Branche in den vergangenen f&uuml;nf Jahrzehnten definier&shy;te: Es geht um Tontr&auml;ger. Popmusik &ndash; die ohnehin als identisch mit Popkultur gilt &ndash; wird dabei weit&shy;gehend synonym mit den verschiedenen Zweigen des Tontr&auml;germarktes gesetzt.</p>
<p>In den Ph&auml;nomenen, die gegenw&auml;rtig die Krise charakterisieren &ndash; Konkurs vieler Labels und Ver&shy;triebe, R&uuml;ckgang der Plattenverk&auml;ufe, Umsatz&shy;einbu&szlig;en durch MP3-Downloads, schlecht besuch&shy;te Konzerte etc. &ndash;, spiegelt sich ein grunds&auml;tzlicher Umw&auml;lzungsprozess der Kultur. Nicht nur das individuelle H&ouml;rverhalten hat sich ver&auml;ndert, sondern &raquo;Musik&laquo; scheint ihre kulturelle Bedeutung zu verlieren. So sind die Jugendkulturen, die einmal das Musikleben bestimmt haben, fast ganz verschwunden; selbst im Bereich der nach wie vor falsch als &raquo;Klassik&laquo; bezeichneten Musik sind dereinst stabile Geschmacks&shy;gruppen kollabiert; den &raquo;Fan&laquo; &ndash; der vor Jahrzehnten einmal als Experte des komplexen Jazz entstand &ndash; gibt es heute nur noch als Kindermob, der Castingbands hinterherkreischt.</p>
<p>In den &ouml;ffentlich gef&uuml;hrten Debatten um die Krise der Musikindustrie wird &uuml;ber die Musik selbst kaum gesprochen. Es scheint, als ver&auml;ndere sich nicht nur das H&ouml;rverhalten, sondern auch das &raquo;H&ouml;ren&laquo; als spezifischer Umgang mit &raquo;Musik&laquo; wird sukzessive au&szlig;er Kraft gesetzt. Die Rezi&shy;pien&shy;ten sind vollends zu Konsumenten geworden. Vom Geschmacksurteilsverm&ouml;gen ist ein Reiz-Reak&shy;tions-Schema &uuml;brig geblieben, wonach &raquo;Mu&shy;sik&laquo; nur noch als akustisches Signal wiedererkannt wird: Klingelt&ouml;ne geben hier das Prinzip vor.</p>
<p>Zur Disposition steht &ndash; deswegen die Anf&uuml;hrungszeichen &ndash;, ob sich hier nicht ein Ende der Musik selbst ank&uuml;ndigt, eine Entmusikalisierung der Musik. Hinzu kommt, dass die Rede von der Krise der Musikindustrie sowieso in zweierlei Hinsicht fragw&uuml;rdig ist.</p>
<p>Zum einen hat die Musikindustrie, sofern sie denn &uuml;berhaupt als Branche fassbar ist, seit ihren Anf&auml;ngen technische Entwicklungen vollzogen, die zum Resultat haben, dass mitunter dieselben Firmen, die sich jetzt vom Umsatzr&uuml;ckgang bedroht sehen, enorme Profite in genau den Bereichen zu verzeichnen haben, die f&uuml;r die Krise verantwortlich gemacht werden: Angesichts der Ver&shy;kaufszahlen von Musik reproduzierender Unterhaltungselektronik (MP3-Player, Computer, CD-Rohlinge, Mobiltelefone, etc.) kann wohl kaum ernsthaft von einer Krise der Musikindustrie gesprochen werden.</p>
<p>Zum anderen &ndash; und das ist der f&uuml;r unsere &Uuml;ber&shy;legungen wichtigere Aspekt &ndash; steht die Krise der Musikindustrie im merkw&uuml;rdigen Kontrast zum fortlaufenden Boom des Kunstmarktes: Das alte Modell ist der Musiker Lars Ulrich, der &ndash; wie in dem sch&ouml;nen Metallica-Film &raquo;Some Kind of Mons&shy;ter&laquo; zu sehen ist &ndash; f&uuml;r mehrere Millionen seine Basquiat-Bilder verkauft; das neue Modell ist der Maler Daniel Richter, der das Buback-Label gekauft hat, Jan Delay und die Goldenen Zitronen finanziert.</p>
<p>Diese Entwicklung hat ihre Ursachen im grund&shy;s&auml;tzlichen Verh&auml;ltnis von Kunst, Kunstwerk und Kunstware, das sich sp&auml;testens seit den Zeiten der Kulturindustrie in der Musik anders entfaltete als in der Bildenden Kunst. Die Schl&uuml;sselkategorie ist hier der Begriff der Autonomie.</p>
<p>Die Autonomie der Kunst ist Moment ihrer Eman&shy;zipation von den Abh&auml;ngigkeiten der vorb&uuml;rger&shy;lichen Gesellschaft, von Hof und Kirche. Die Idee der Autonomie der Kunst korrespondiert mit dem Entwurf eines autonomen Subjekts, das &ndash; dem Ideal der Aufkl&auml;rung folgend &ndash; die empha&shy;tische Selbstbestimmung meint; gleichzeitig wird die Kunst zunehmend zum einzigen Ort, an dem das autonome Subjekt sich &uuml;berhaupt verwirklichen kann &ndash; als K&uuml;nstler. Derart wird Autonomie zur Qualit&auml;t einer geschlossenen Einheit des Kunstwerkes, wobei zur Autonomie der Kunst ihr Wahrheitsgehalt geh&ouml;rt, der auf Erkenntnis zielt. Hieraus leitet sich die gesamte &raquo;Ideologie des &Auml;sthetischen&laquo; (Terry Eagleton) ab, die den Kunstbegriff und den Kunstbetrieb im b&uuml;rgerlichen Zeitalter kennzeichnet.</p>
<p>Denn die &Auml;sthetik der Autonomie ist nur m&ouml;glich, wo sich ein eigenst&auml;ndiger Kunstmarkt herausbildet. Die &raquo;Zweckm&auml;&szlig;igkeit ohne Zweck&laquo; (Kant), die als Grundsatz der Autonomie&#8209;&Auml;sthetik gelten kann, wird im Kunstwerk dadurch gerettet, dass der gesellschaftliche Zweck der Kunst vom Werk selbst abgespalten wird; erst wo die Kunst zur Ware wird, kann sie eine Form der Auto&shy;nomie realisieren, die paradoxerweise darin besteht, die Unabh&auml;ngigkeit vom &ouml;konomischen Markt zu deklarieren. Damit verdoppelt sich in der Kunst der von Marx beschriebene Fetischcharakter der Ware.</p>
<p>F&uuml;r die Musik hatte das besondere Konsequenzen, weil hier ohnehin die Frage des Originals (Was ist das Original der Musik? Die Komposi&shy;tion oder die Interpretation? Die Partitur, die Urauff&uuml;hrung, die erste Aufnahme?) im Raum stand, &auml;sthetisch, aber auch juristisch im Sinne des Urheberrechts.</p>
<p>Inwiefern hier einzelne Probleme nicht vom Gesamtkomplex musikalischer Produktion abgespalten werden k&ouml;nnen, kann folgende Anekdote verdeutlichen, die als Antizipation heutiger Urheberrechtsdebatten gelten kann: Der Erfinder Johann Nepomuk M&auml;lzel konstruierte 1805 sein Panharmonicum, eine mit einer Notenwalze funk&shy;tionierende Musikmaschine. Beethoven kom&shy;ponierte f&uuml;r diesen Apparat &raquo;Wellingtons Sieg oder die Schlacht bei Vittoria&laquo; (op.&#160;91). Allerdings war die Komposition mechanisch nicht realisierbar, weshalb M&auml;lzel Beethoven zur Orchesterfassung riet, die dann im Dezember 1813 in Wien bei einem Benefizkonzert f&uuml;r invalide Soldaten aufgef&uuml;hrt wurde. Gerade weil das Konzert ein au&szlig;erordentlicher Erfolg f&uuml;r beide war, kam es zu einem heftigen, gerichtlichen Streit &uuml;ber die Eigentumsrechte, der erst einige Jahre sp&auml;ter bei&shy;gelegt werden konnte.</p>
<p>Bezeichnend an diesem Beispiel ist, inwiefern die Technik als produktiver Faktor das Verh&auml;ltnis von Autonomie und Markt irritiert: Der Nichtmusiker M&auml;lzel erfindet einen Musikapparat und reklamiert das Recht an der Kunst aus &ouml;konomischen Gr&uuml;nden. Das Kunstwerk tritt jetzt ins Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit ein, wie es &uuml;ber ein Jahrhundert sp&auml;ter Walter Ben&shy;jamin diagnostiziert.</p>
<p>Auf keine der klassischen Kunstformen hat die Massenproduktion gerade im Hinblick auf die Technik einen solch enormen Effekt gehabt wie auf die Musik; selbst die Folgen f&uuml;r die Literatur sind angesichts der technischen Umw&auml;lzungen, die das Musikleben in den vergangenen 200 Jahren erfahren hat, vergleichsweise sp&auml;rlich. Doch die Massenproduktion hat nicht nur technische Folgen f&uuml;r die Musik: Schon 1851 wird in Frankreich eine Verwertungsgesellschaft als Interessenvertretung f&uuml;r Musikproduzenten gegr&uuml;ndet.&#160;1902 tritt in Deutschland das &raquo;Urheberrecht an Werken der Literatur und Tonkunst&laquo; in Kraft; 1903 wird die Anstalt f&uuml;r musikalische Auff&uuml;hrungsrechte (AFMA) gegr&uuml;ndet. In Wien formiert Arnold Sch&ouml;nberg 1904 den Verein schaffender Tonk&uuml;nst&shy;ler (zum Vergleich: Der Deutsche Werkbund wird erst 1907 gegr&uuml;ndet). Durch die Verbreitung der Radiomusik wird 1914 in New York die ASCAP (American Society of Composers, Authors and Pu&shy;blishers) ins Leben gerufen. Sie steht auch im Zusammenhang mit der Sheet Music: einzelnen Notenheften, die von den Musikverlagen der New Yorker Tin Pan Alley herausgegeben wurden. Nach 1930 verliert die Sheet Music an Bedeutung, weil sich durch die Entwicklung der Plattenindustrie eine neue Musikkultur formiert: Rock&rsquo;n&rsquo;Roll.</p>
<p>Der Rock&rsquo;n&rsquo;Roll definiert Popkultur als Popmusik: Sie muss sich nicht mehr als autonome Kunst gegen den Kommerz verteidigen, sondern macht aus dem Bekenntnis zum &ouml;konomischen Markt ihr offensives &auml;sthetisches Programm. Ist in der Kulturindustrie alle Kultur Ware, so wird mit der Popkultur alle Ware zur Kultur. Das, was heute als &raquo;Musik&laquo; gilt, hat sich verselbst&auml;ndigt. Man redet &uuml;ber &raquo;die Musik&laquo; als Ganzes und meint damit lediglich den &ouml;konomischen Sektor, bei dem die Rolling Stones, Madonna, Silbermond oder Beyonce nur noch als austauschbare Platzhalter f&uuml;r die Ware Tontr&auml;ger funktionieren.</p>
<p>Allerdings geht es um mehr als die vermeintliche Krise der Musikindustrie. Man kann es als folgende Gro&szlig;these formulieren: So wie das Automobil die fordistische &Auml;ra als spezifische Ware markiert, kann der Tontr&auml;ger als signifikante Ware des Postfordismus gelten. Nun w&auml;re zu fragen, ob sich mit dem Verschwinden der Tontr&auml;ger der Postfordismus in eine neue Stufe der Wert&shy;vergesellschaftung aufl&ouml;st. Das h&auml;tte vor allem Konsequenzen f&uuml;r den Menschen als Individuum, was schon im Postfordismus eine Idee war, die sich bereits mit dem Fordismus zersetzt hat. Hier ist die Krise.</p>
<p><img src="http://vg02.met.vgwort.de/na/a91bb7f814ec5ace5df3c189547df7" width="1" height="1" alt=""> </p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://www.rogerbehrens.net/texte/artikel/autonomes-krisengebiet/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
